Was bedeutet „gewaltfrei erziehen“?

Gewaltfrei erziehen ist an sich eine paradoxe Formulierung, weil das Erziehen eines Menschen schon als Gewalt betrachtet werden kann. Man formt jemanden nach den eigenen Vorstellungen und das meist indem man Macht ausübt, um eine Verhaltensänderung der zu erziehenden Person zu erzielen.

Nicht nur körperliche, auch psychische Gewalt verursacht Schäden

Möchte ich jemandem gewaltfrei begegnen, muss ich nicht nur auf körperliche, sondern auch auf psychische Gewalt verzichten. Leider sind viele Eltern nach wie vor der Meinung, dass sie in der Erziehung auf Gewalt verzichten, weil sie ihr Kind nicht schlagen. Das ist natürlich eine gute und wichtige Entwicklung, ist das Schlagen Schutzbefohlener auch ganz klar im Bürgerlichen Gesetzbuch verboten, aber auch psychische Gewalt ist eine Form von Gewalt und darf meiner Meinung nach und der vieler anderer Menschen im Umgang mit Kindern nicht genutzt werden. Kinder dürfen nicht angeschrien, erpresst, gedemütigt oder bedroht werden. Eine häufige Form der psychischen Gewalt ist wohl der Liebesentzug bei unerwünschtem Verhalten. Verhält das Kind sich in den Augen der Bezugsperson falsch, bekommt es klar zu spüren, dass es mit diesem Verhalten nicht gemocht bzw. geliebt wird. Liebesentzug ist eine sehr beliebte Erziehungsmethode in unserer Kultur, streben unsere Kinder doch immer nach unserer Liebe und lassen sich auf diese Weise ganz vorzüglich verbiegen. Was die Kinder dabei allerdings lernen, ist, dass sie nicht richtig sind, wenn sie alle ihre Charaktereigenschaften frei zeigen, nur bestimmte Seiten ihrer Persönlichkeit sind erwünscht. Das führt dazu, dass Kinder die Verbindung zu ihrem Ich verlieren, weil ein Teil ihres Charakters scheinbar falsch ist und von anderen nicht gebilligt. Dieser Teil der Persönlichkeit wird dann langfristig vom Kind auch als falsch empfunden, obwohl er Teil von ihm ist und somit schlicht zu ihm gehört. Alfie Kohn schreibt in seinem Buch „Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung“ sehr ausführlich über das Thema und gibt auch Handlungsempfehlungen, wie Eltern auf Liebesentzug verzichten können.

„Gewaltfrei“ bedeutet also, dass wir im Umgang mit Kindern sowohl auf körperliche, als auch auf psychische Gewalt verzichten.