Unerzogen

Die Abschaffung der Erziehung!

Erziehung ist im Kern eine zutiefst undemokratische und manipulative Angelegenheit, dies gilt für antiautoritäre Erziehung genauso wie für jeden autoritäreren Erziehungsansatz. Die Alternative ist nicht eine andere Erziehung, sondern die Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kindern. Das ist die Abschaffung von Erziehung.  *

Bildquelle: http://kraetzae.de/erziehung/plakat/
Bildquelle: http://kraetzae.de/erziehung/plakat/

Definition und Herkunft

Die unerzogen-Bewegung geht von einer gleichberechtigten Eltern-Kind-Beziehung aus. Das bedeutet, dass für Eltern und Kinder innerhalb einer Familie die gleichen Regeln gelten. Das Kind wird von den Eltern als ebenbürtige Person auf Augenhöhe behandelt. Der Begriff „Erziehung“ ist bei dieser Art von Umgang mit einem Kind obsolet, denn ein gleichberechtigter Partner in einer Beziehung muss nicht erzogen werden. An die Stelle der Erziehung treten die Grundregeln und Werte menschlichen Zusammenlebens. Das bedeutet, dass der Erwachsene sich „nicht ohne dringende Notwendigkeit Vorteile oder besondere Rechte vor den anderen Gruppenmitgliedern . . . heraus [nimmt]“ **. Damit fordert die unerzogen-Bewegung die Abschaffung der Erziehung im täglichen Leben mit unseren Kindern! Auch Jesper Juul ist in gewisser Hinsicht ein Vertreter der unerzogen-Bewegung (auch, wenn er sich selbst davon abgrenzt). Für ihn ist es von besonderer Wichtigkeit, dem Kind Respekt entgegen zu bringen und es als gleichwertig anzusehen. Mit seinem Begriff der Gleichwürdigkeit, hat er der gleichberechtigten Beziehung zwischen Eltern und Kindern einen Namen gegeben.

Die unerzogen-Philosophie lässt sich unmittelbar von der im 20. Jahrhundert aufgekommenen Philosophie der Antipädagogik ableiten, die Ekkehard von Braunmühl in seinem 1975 erschienenen Buch „Antipädagogik“ mehr oder weniger begründet. Die Antipädagogik geht davon aus, dass „Kinder und Jugendliche durch Erziehung auf unzulässige Weise entmündigt und manipuliert werden, und zwar unabhängig von der Art der Erziehung“ (vgl. Wikipedia)***. Abzugrenzen ist die Antipädagogik allerdings ganz klar von der antiautoritären Erziehung. „In der antiautoritären Erziehung ist − anders als in der Antipädagogik − eine handlungsregulierende und damit erziehende Funktion der Erwachsenen durchaus vorgesehen“ (vgl. Wikipedia).

Die Antipädagogik wiederum lässt sich in das Feld der Reformpädagogik einordnen, womit unter anderem die Montessoripädagogik oder die Waldorfpädagogik Vorläufer der Antipädagogik – und damit auch der unerzogen-Bewegung – sind.

Die Annahme, das Kind sei von Grund auf gut, ist allen drei erwähnten Richtungen gemein. Man geht davon aus, dass es nicht notwenig ist, das Kind erst durch Erziehung zu einem vollwertigen Menschen zu machen, da jedes Kind bereits als vollwertiger Mensch zur Welt kommt. Demzufolge muss der Erwachsene auch nicht seine (körperliche) Macht dazu nutzen, das Kind zum Gehorchen zu bewegen, da „Kinder von Natur aus kooperieren wollen“ (Jesper Juul). Einige der modernen pädagogischen Vertreter unserer Zeit, beispielsweise Herbert Benz-Polster oder auch Alfie-Kohn, fallen damit mit ihren Überzeugungen in den Bereich der „unerzogen-Pädagogik“.

Die unerzogen-Philosophie hat, wie man bei genauerem Hinsehen feststellen kann, also eine fundierte Basis und ist gar nicht so neu und ungewöhnlich, wie es einem von mancher Stelle weissgemacht wird. Es ist interessant zu sehen, dass sich bereits vor so langer Zeit, in einer Zeit, in der der Umgang mit Kindern nahezu unmenschlich war, immer wieder Menschen mit der Gleichberechtigung von Kindern bzw. deren Abwesenheit beschäftigt haben, und die gängigen Erziehungsmethoden a la Johanna Haarer hinterfragt haben.

Wie aber kann eine Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kindern aussehen?

Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass man das Kind als vollwertigen Partner in einer Beziehung ansieht und dementsprechend alle Regeln in dieser Beziehung für beide gleichermaßen gelten. Das bedeutet, dass

  • jeder seine eigenen Angelegenheiten selbst bestimmen darf.
  • mit gemeinsamen Angelegenheiten demokratisch umgegangen wird. Es wird gemeinsam über diese Angelegenheiten bestimmt.
  • jeder Partner die Bedürfnisse des anderen als ebenso wichtig wie die eigenen anerkennt, alle Bedürfnisse also gleichwertig sind.
  • man dem Beziehungspartner einen Vertrauensvorschuss einräumt und davon ausgeht, dass der Partner ebenso eine befriedigende Beziehung mit einem führen möchte. ****

Natürlich ist es bei einem Säugling nur bedingt möglich, ihn seine Angelegenheiten selbst bestimmen zu lassen. Für mich steht bis zu dem Zeitpunkt, zu dem das Kind tatsächlich Willensäußerungen jeglicher Art machen kann, im Vordergrund, dass die Eltern dieser Philosophie vorleben.

Mich interessiert die „unerzogen-Pädagogik“, wie ich sie hier mal nennen will, wirklich über alle Maßen. Wir haben einige Elemente in unseren Umgang mit dem Chaoskind auch eingebaut, aber es ginge zweifellos noch mehr. Ganz klares Hemmnis der Umsetzung ist meist die eigene Erziehung, da das Bild des Kindes, das zu einem braven, folgsamen Menschlein herangezogen werden muss und das gefälligst zu hören hat, wenn die Erwachsenen etwas verlangen, leider tief im Bewusstsein vieler verankert ist. Die stete Erinnerung daran, wie es anders sein kann und das andauernde Hinterfragen der eigenen (durch die Erziehung gegebenen) Überzeugungen, helfen, besser und respektvoller mit dem eigenen Kind umzugehen. Hierzu gehört für mich, dass ich die aktuelle pädagogische Literatur von Juul, Renz-Polster und anderen verfolge und versuche, im täglichen Leben immer Rücksicht auf die Bedürfnisse meines Kindes zu nehmen. Das heißt, ich lasse mich auf seine Wünsche ein, zwinge ihm nicht meinen Willen auf und erinnere mich jeden Tag mehrmals daran, dass der kleine Mensch eine eigene Stimme in unserer Beziehung hat. Vielleicht kann ich, wenn ich lang genug damit fortfahre, mein Unterbewusstsein so gut wie möglich umprogrammieren.

Interessante Links zum Thema:

http://kraetzae.de/erziehung/erziehen_ist_gemein/
http://www.antipaedagogik.de
http://regenbogen.kraetzae.de/ausgaben/23/gegenerziehung
http://www.projektwerkstatt.de/lernen/start_erziehung.html
http://www.projektmaxstirner.de/anti.htm
http://www.unerzogen.de/weblog/2007/06/25/gleichberechtigte-eltern-kind-beziehungen/

Quellenangaben:
* KinderRächtsZeitung – http://regenbogen.kraetzae.de/ausgaben/23/gegenerziehung
** Tausch, R. & Tausch, A.-M. (1991). Erziehungspsychologie: Begegnung von Person zu Person (11. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
*** Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Antipädagogik
**** Schimpke, Patrick (2007). Gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehungen: ein Sekundär-Review zu den Effekten. Bielefeld: PUB (Diplomarbeit).

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