Windelfrei

24 Stunden, 7 Tage die Woche Windeln? Besser nicht.

Wer sich mit Stoffwindeln beschäftigt, stößt früher oder später auch auf den Begriff „windelfrei“. Aber was bedeutet denn windelfrei eigentlich? Ich versuche hier mal eine kurze, aussagekräftige Antwort zu geben.

Viele Hebammen raten jungen Eltern bei Blähungen und Bauchschmerzen ihre Babys abzuhalten. D.h. das Kind in der Anhock-Spreizhaltung (Knie auf Bauchnabelhöhe) über dem Waschbecken, der Badewanne oder auch über dem Wickeltisch festzuhalten, um ihm das Pupsen zu erleichtern :-). Dieses Abhalten ist bereits ein essentieller Bestandteil von „Windelfrei“. Unsere Hebamme hat uns diesen Rat auch gegeben anfangs, allerdings sagte sie uns leider nicht, dass wir natürlich auch auf die Körpersprache unseres Sohnes achten müssen, denn wer kann schon auf Kommando Pipi machen oder Pupsen? Wir hielten den kleinen Mann immer nur über dem Waschbecken ab, wenn er mal wieder fürchterlich schrie, aber dieses Schreien hatte nicht zwingend immer Bauchschmerzen als Ursache, so dass nicht annähernd jedes Abhalten den gewünschten Erfolg brachte. Unsere Schlussfolgerung war dann, dass das mit dem Abhalten einfach bei uns nicht richtig klappt, und deswegen ließen wir es sehr bald komplett wieder sein, was im Nachhinein betrachtet ein großer Fehler war.

Ein Leben komplett ohne Windel wäre für uns nicht praktikabel gewesen, aber eine Mischung mit Windelfrei zuhause und Windel unterwegs, wäre eine gute Lösung für uns gewesen, die wir beim nächsten Kind definitiv anwenden werden.

Nun aber zur Erklärung von Windelfrei:

Babys geben über Körpersprache zu verstehen, wann sie müssen. Wenn sie beispielsweise mit der Hand wedeln, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass sie Pipi anzeigen. Werden sie mitten im Spiel plötzlich ganz ruhig und schauen verträumt in die Ferne, steht ein großes Geschäft an. Wer sein Kind über ein oder zwei Tage intensiv beobachtet, wird diese Körpersprache sehr schnell herauslesen können. Außerdem entwickeln viele Kinder eine Regelmäßigkeit, zumindest was das große Geschäft angeht. Unser Sohn macht zum Beispiel mit 95%iger Wahrscheinlichkeit nach dem Essen Groß. Will man nun windelfrei praktizieren, achtet man sensibel auf diese Körpersprache des Kindes und setzt es im richtigen Moment auf ein Töpfchen. Diese Praxis hat mit dem konventionellen, gezwungenen Töpfchentraining nichts zu tun, weil das Kind und nicht der Erwachsene bestimmt, wann Zeit für den Toilettengang ist.

Windelfrei hat den großen Vorteil, dass man dem Kind nicht sein natürliches Bewusstsein für seine Sauberkeit aberzieht, indem man es in seinen Exkrementen sitzen lässt. Menschen haben von Geburt an den Drang, sich nicht zu beschmutzen. Durch die Windelnutzung trainieren wir ihnen vom ersten Moment an, den Widerstand gegen diese Beschmutzung aufzugeben. Daher ist die windelfreie Praxis eigentlich die artgerechteste Weise mit einem Menschenskind umzugehen. Dass das in unserer schnelllebigen, auf Optimierung getrimmten Welt nicht immer möglich ist, ist verständlich. Oft kann man einfach nicht auf die Körpersprache des Kindes achten, so dass eine (Stoff-)Windel für unterwegs eine akzeptable Lösung ist. Wichtig ist hierbei allerdings, dass man sich nicht vom Einwegwindelhersteller-Versprechen täuschen lässt. Selbst wenn eine Windel die Saugfähigkeit für einen Zeitraum von 12 Stunden besitzt, sollte man sein Kind keinesfalls auch diesen Zeitraum lang nicht wickeln. Ein Kind ist zu wickeln, wenn man merkt, dass etwas in der Windel gelandet ist – egal ob Pipi oder Kacka!

Ein Kind, das das Gefühl für seinen Körper durch Windeln nicht verlernt, kann bereits in seinem zweiten Lebensjahr sauber sein und das auf natürliche Weise, ganz ohne Zwang. Ich selbst kenne Kinder, die bereits nach ca. einem Jahr zuverlässig das große Geschäft anzeigen konnten und nachts ohne Windel auskamen.

Windelfrei bedeutet keinesfalls, dem Kind einfach keine Windel anzuziehen und es sich in die Hose machen zu lassen! Frei nach dem Motto: Dann merkt er/sie ganz schnell, dass das unangenehm ist und wird bald nicht mehr in die Hose machen. Das ist allerdings ein sehr großer Trugschluss, denn ein Kind, das durch das permanente Tragen von Windeln das Gefühl dafür verloren hat, wann es muss, kann auf diese respektlose und erniedrigende Art nicht mal eben lernen auf den Topf zu gehen. Die Aufgabe, die Körpersprache des Kindes zu verstehen und das Kind langsam an das machen ins Töpfchen ranzuführen, obliegt eindeutig den Eltern. Es ist NICHT die Aufgabe des Kindes den Zusammenhang zwischen nasser oder schmutziger Hose und der Toilette herzustellen. Dazu kommt, dass bei vielen Kindern erst ab einem Alter von ca. 2 Jahren überhaupt die Beckenbodenmuskulatur soweit entwickelt ist, dass sie genug Zeit haben zu merken, dass sie müssen, es anzuzeigen und sich dann noch aufs Töpfchen zu setzen. Wer die Körpersprache seines Kindes kennt, wird selbst schnell merken, wie wenig Zeit zwischen Anzeigen und „Laufen lassen“ liegt.

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