Unsere Familienreise geht weiter – Teil 3

Wir waren nach einer längeren Pause wegen Urlaub und Terminfindungsschwierigkeiten vor kurzem wieder bei unserer Familientherapeutin. Unser Problem besteht weiterhin, es gab allerdings für mich neue Erkenntnisse.

Ich habe hier und hier bereits darüber geschrieben, warum wir uns für eine Familienberatung entschieden haben.

Obwohl ich immer eine enge, sichere Bindung zu meinem großen Kind angestrebt habe, ist wohl ein bisschen was schief gelaufen, denn mein Großer scheint nicht sicher, sondern ambivalent an mich gebunden zu sein. Das klingt ganz furchtbar und ich habe mich zwei Tage lang nach der Sitzung wirklich schrecklich gefühlt. Wie kann es sein, dass mein Kind eine ambivalente Bindung zu mir aufgebaut hat? Ich bin doch so bindungs- und bedürfnisorientiert und lege so viel Wert darauf, dass er sich verstanden und gesehen fühlt. Aber genau darin besteht nach Meinung der Therapeutin auch das Problem und was sie sagt, leuchtet mir ein.

Ich kann meine eigenen Bedürfnisse ganz wunderbar ignorieren. Oder ich formuliere Grenzen, um sie dann kurze Zeit später wieder zu revidieren. Ein Beispiel: Mein großer Sohn greift mir, seit er nicht mehr stillt, sehr gern ins Decolltée, wenn er sich aufregt oder Nähe braucht. Ich habe das eine Zeit lang zugelassen, aber irgendwann hat es mich dann sehr genervt und ich wollte es nicht mehr. Er kam also, wollte anfassen und ich sagte „Nein“. Das passte ihm natürlich nicht und er protestierte. Meckerte er nun lang genug, habe ich ihn in vielen Fällen dann doch gewähren lassen und habe gegen mein eigenes Gefühl gehandelt. In diesem Moment ist für mein Kind aber folgendes passiert: Er hat von mir eine Macht auferlegt bekommen, die er nicht tragen kann in seinem Alter. Außerdem merkt er, dass ich scheinbar nicht verlässlich bin. Ich sage erst das eine und dann wieder das andere, für ihn in offenbar wahlloser Abfolge. Und so passiert es leider relativ häufig in unserem Alltag. Ich äußere meine Grenze und revidiere sie dann, so dass mein Sohn das Gefühl bekommt, er müsse immer auf der Hut sein und mich permanent beobachten, weil ich mich für ihn unzuverlässig verhalte. Ich bin in einigen Situationen für ihn unberechenbar und das führt dazu, dass er mich nicht aus den Augen lässt, um Wendungen in meinem Verhalten mitzubekommen. Ich gebe ihm keine Sicherheit in diesen Momenten. (Interessant ist, dass ich das nur mache, wenn es um meine eigenen, persönlichen Grenzen geht. Wenn ich ihm Nein sagen muss und mich als schlechte Mutter fühle. Wenn es um sein Wohl geht, ich ihm zum Beispiel nach einer gewissen Zeit das Tablet ausmache und er protestiert, kann ich seine Aggression aushalten, weil ich weiß, dass es einfach schlecht für ihn ist und es ihm gut tun wird, sich körperlich zu betätigen, statt sich nur berieseln zu lassen und nur innerlich aufgewühlt zu werden.)

Daraus resultiert nun, dass er dadurch, dass er mich permanent im Blick haben musste, eine wichtige Entwicklung in seiner Autonomie nicht gemacht hat und nicht gut ertragen kann, wenn ich etwas mache, an dem er keinen Anteil hat. Wie z.B. mich mit seinem kleinen Bruder beschäftigen. Er hat ihn als permanenten Störfaktor wahrgenommen, weil er plötzlich nicht mehr Teil der Einheit zwischen dem Kleinen und mir war. Auch, wenn ich mich auf die Couch setze, die Augen schließe und einfach einige Minuten für mich sein möchte, kann er damit absolut nicht umgehen. Dies ist eine Übung, die ich nun jeden tag machen soll, um ihm zu zeigen, dass nichts schlimmes passiert, wenn ich mal anwesend, aber gleichzeitig abwesend im Raum bin. Dass es im Gegenteil für ihn neue Möglichkeiten birgt, wenn er mich nicht permanent im Auge haben muss und wenn auch ich ihn nicht andauernd beobachte.

Wenn ich in Ruhe, so wie jetzt, darüber nachdenke, macht das alles sehr viel Sinn und ich weiß, was theoratisch zu tun ist, aber in den konkreten Situationen nun immer richtig zu handeln, ist gar nicht so einfach. Ich habe mir eigentlich die Überzeugung angeeignet, dass man ein Nein auch immer wieder revidieren kann und das für das Kind sogar besser ist, weil man ja auf seine Bedürfnisse eingeht. Was ich aber dabei nicht beachtet habe, ist, dass es dabei immer um die Art und Weise geht, wie das geschieht. Revidiere ich mein Nein, weil ich die Konfrontation mit dem Kind nicht aushalte, oder weil ich bemerke, dass das Kind für sich wichtige Gründe hat so sehr zu protestieren? Und wenn ich wichtige Gründe beim Kind annehmen kann, sind diese Gründe dann wichtiger als meine eigenen Grenzen?

Kinder brauchen Sicherheit und Kontinuität im Handeln ihrer Bezugspersonen, um sicher gebunden zu sein und um überhaupt die Möglichkeit zu haben, sich in ihrer natürlichen Entwicklung von uns unabhängiger zu machen. Ist diese Sicherheit nicht vorhanden, entwickeln die Kinder sich nur unzureichend weiter in Richtung ihrer eigenen Autonomie. Ich glaube, ich gehöre zu den typischen Opfern des Überangebots an Meinungen und Möglichkeiten im Umgang mit Kindern heutzutage. Man hört und liest so viel, dass man ganz wirr im Kopf wird und am Ende eigentlich gar nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist. Juul sagt das, im Unerzogen-Forum liest man das andere und dann ist da noch diese Mama, die man für den tollen Umgang mit ihren Kindern bewundert und die es wieder ganz anders macht. Man verliert schnell den Blick für das eigene Bauchgefühl. Daher gilt es so oft wie möglich in sich hineinzuhören, ob man etwas nur macht, weil man gelesen hat, dass es das richtige ist, oder ob man sich auch wirklich wohl damit fühlt es so zu machen.

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9 thoughts on “Unsere Familienreise geht weiter – Teil 3

  1. Puh, das macht mich ganz nachdenklich… hab ich so noch nie drüber nachgedacht, ich glaube das könnte eine Falle sein, in die ich auch oft tappe. Argh. Danke dafür.

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  2. ups, ich sehe mich da gerade wieder… mich interessieren nun auch noch Teil 1 und 2, leider kann ich sie im Blog nicht finden, kannst du mich dahinführen?

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    1. Hallo Solveig, hier noch mal die Links zu den beiden bzw. sogar 3 vorherigen Artikeln:

      https://kidzchaos.com/2017/06/08/wenn-das-zweite-kind-kommt-und-nicht-die-grosse-geschwisterliebe-ausbricht/

      https://kidzchaos.com/2017/06/11/reise-zu-mir-selbst-unser-1-termin-bei-der-familientherapeutin/

      https://kidzchaos.com/2017/06/28/reise-zu-mir-selbst-teil-2/

      Ich hoffe, es erscheint als klickbarer Link. Ansonsten bitte kopieren und im Browser einfügen 😊.

      Liebe Grüße
      Denise

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  3. Danke für deine offenen Worte. Das ist hier auch immer wieder Thema, aber so klar, wie ich es jetzt bei dir gelesen habe, war es bisher noch nicht. Das hilft sehr! Euch alles Gute weiter auf diesem mutigen Weg.

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  4. Ein ganz wichtiges Fazit! Allerdings sollte man jetzt nicht denken – unerzogen ist gleich ambivalente Bindung. Der Punkt ist wirklich der: man darf nicht permanent über die eigenen Grenzen gehen. Ich zB überlege – stört es mich wirklich? Wenn nein, dann revidiere ich auch mal eine Meinung. Aber ich kann auch ein Nein sehr konsequent vertreten. Schön, dass es euch besser geht damit ❤ Liebe Grüße, Frida

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    1. Ich denke, es passiert oft, dass man „ich traue mich nicht nein zu sagen, weil ich nicht will, dass mein Kind traurig ist“ mit unerzogen sein verwechselt. Ich habe zumindest oft in den verschiedenen Foren und Gruppen den Eindruck gewonnen, das Kind darf nicht eingeschränkt werden. Ich habe es ganz klar falsch verstanden. Das bedeutet natürlich nicht, dass eine unerzogene Haltung zu einer ambivalenten Bindung führt, da hast du absolut Recht.

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