Warum es wichtig ist, die Wut eines Kindes zu akzeptieren und sie aushalten, vor allem wenn ich sie verursacht habe

Es gibt Momente, da möchte ich so manches Mitglied meiner Verwandtschaft in eine Kapsel setzen und auf den Mond schießen. Und ich rede absolut nicht von meinen Kindern, obwohl die sich manchmal auch ein Einwegticket in der Mondkapsel verdienen. Nein, ich spreche von einer Erwachsenen, reifen und vernünftigen Person… sollte man meinen.

Folgende Situation ist hier schon einige Male so passiert und jedes Mal denke ich nur „Argh!

Besagter Verwandter ist zu Besuch und mein großer Sohn möchte gern Pfannkuchen mit ihm backen. Nun muss man dazu wissen, dass wir ziemlich oft Pfannkuchen machen und der Große ziemlich genau weiß, wie man den Teig macht. Er möchte eigentlich alles allein machen, was er bei uns auch weitestgehend macht. Das Mehl wiegen wir Erwachsenen ab und Milch, Eier und Wasser fügt er dann hinzu und verrührt es bis es ihm zu anstrengend wird. Danach möchte er den Teig in die Pfanne gießen. Weil er einfach so großen Spaß an der ganzen Prozedur hat, lassen wir ihn alles so machen, wie er es möchte. Er lernt und wir brechen uns ja nun auch nichts ab, wenn wir ihm diesen simplen Wunsch erfüllen. Jetzt ist es aber schon mehrmals vorgekommen, dass unser Verwandter (den ich hier jetzt nicht genauer definieren möchte) keine Geduld hatte, um unseren Sohn zum Beispiel das Ei in die Schüssel werfen zu lassen. Also hat er es selbst in die Schüssel gegeben und danach so getan, als habe er vergessen, dass mein Sohn es so gern selbst gemacht hätte. Mein Sohn hat dann (natürlich) angefangen zu weinen – er ist drei! Er war enttäuscht und fühlte sich vermutlich übergangen und um eine Tätigkeit gebracht, die er gern selbst ausgeführt hätte. Er weinte und ließ seiner Wut und Trauer freien Lauf. Soweit alles völlig normal und altersgerecht. Die Reaktion auf der anderen Seite war dann folgende: „Stell dich nicht so an, ich habe es halt nun mal vergessen. Wenn du jetzt so ein Theater machst, mache ich beim nächsten Mal einfach keine Pfannkuchen mehr mit dir! Das hast du dann von deinem Gemotze.“

In diesem Moment war ich so sauer, ich hätte ihn am liebsten gefragt, ob er sie noch alle hat. Ich habe mich allerdings einigermaßen zurückgehalten, weil ich vor meinem Sohn den Verwandten auch nicht runterputzen wollte. Gutes Beispiel und so… Ich sagte ihm also nur, dass mein Sohn durchaus Grund hat, sauer auf ihn zu sein und dementsprechend auch ein Recht auf seine Wut und dass er schließlich wusste, dass der Junge das Ei gern selbst in den Teig hinein gibt. Er zeigte allerdings absolut überhaupt kein Verständnis und nuschelte nur etwas von „Wenn er so rummotzt, muss ich mich nicht entschuldigen. Ich muss mich doch hier nicht anbrüllen lassen“. Ich begann daraufhin meinen Sohn zu trösten und seine Wut und Trauer zu begleiten. Innerhalb weniger Minuten hatte er sich mit meiner Hilfe zum Glück wieder beruhigt #wiemanesnichtmacht.

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Ich verstehe nicht, wie man einem kleinen Kind gegenüber so wenig Empathie haben kann und ihm dann zu allem Überfluss auch noch die Schuld in die Schuhe schiebt für eine Situation, die man selbst verbockt hat. Ich erlebe in meiner Umgebung immer wieder solche Situationen, sowohl von Vertretern der Generation meiner Eltern, aber auch aus meiner eigenen Generation. Erwachsene verursachen Wut, Enttäuschung oder Trauer bei einem Kind und sind dann sauer auf das Kind, weil es seinen Gefühlen Ausdruck verleiht. Was dabei beim Kind ankommt ist nicht besonders schwer zu erraten. Das Kind hat ein Gefühl von Wut oder Enttäuschung und ihm wird gleichzeitig gesagt, dass es kein Recht auf dieses Gefühl hat und sich falsch verhält. Das Kind wird also abspeichern, dass mit seinem Gefühl etwas nicht stimmt, dass es seinem Gefühl nicht trauen kann und dass andere besser wissen, was es fühlen darf, als es selbst. Außerdem werden ihm Schuldgefühle eingeredet und es wird emotional erpresst nach dem Motto „du machst mich ganz traurig, so kann ich dich nicht leiden“. Das ist ein Paradebeispiel für Liebesentzug. Es zeigt dem Kind „Wenn du einem Gefühl wie Wut (die in unserer Gesellschaft unerwünscht und stigmatisiert ist) freien Lauf lässt, dann bist du nicht liebenswert.“ Das ist so fatal und macht bei regelmäßiger Anwendung so viel im Kind kaputt.

In meinem Fall nutzt es leider absolut nichts mit der betreffenden Person das Gespräch zu suchen und auf Verständnis zu hoffen, weil der Gedanke, dass Kinder lieb sein müssen und Erwachsene prinzipiell erst mal keine Schuld an den Aggressionen der Kinder haben, so tief sitzt. Das einzige, was ich tun kann, ist mein Kind mit dieser Person nicht allein zu lassen und immer moderierend einzugreifen, um seine Emotionen adäquat aufzufangen und mit besserem Beispiel voran zu gehen.

Ich merke immer wieder, dass Kinder, sobald sie sich einigermaßen ausdrücken können und in die Autonomiephase kommen bei sehr vielen Menschen ihren Welpenschutz verlieren. So sehr ein Einjähriger noch wüten darf und das dann auch noch als „süß“ bezeichnet wird, so sehr wird ein Dreijähriger verurteilt, wenn er Aggression zum Ausdruck bringt. Und das ist so schade, denn die Kinder können sich ja nach wie vor noch nicht richtig artikulieren, was einer der Gründe dafür ist, warum sie einen Wutanfall bekommen und nicht sagen „Das fand ich jetzt aber gerade richtig blöd und es ärgert mich“. Gerade in dieser Zeit brauchen unsere Kinder nämlich eigentlich unsere Hilfe, damit ihr Gehirn lernen kann die Impulse zu regulieren und die Gefühle in Worte zu fassen. Stattdessen schimpft man sie und zeigt ihnen maximale Ablehnung. Das ist traurig. Ich plädiere für mehr Verständnis gegenüber wütenden Kindern!

Unterschrift für Blog

4 thoughts on “Warum es wichtig ist, die Wut eines Kindes zu akzeptieren und sie aushalten, vor allem wenn ich sie verursacht habe

    1. Jetzt bitte ich um Hilfe, hab sie dringend nötig. Ich habe zwei Enkel, ca 3 und 5 Jahre alt. Beim 3 jährigem st die Wut immer nur kurz und gleich wieder verraucht, er sagt ganz klar was ihm stinkt und sucht den Dialog.
      Beim 5jährigen siehts anders aus, er wird handgreiflich und schmeißt Sachen durch die Gegend. Ursache: ein gerade neu gekauftes Spielzeug gefiel ihm nicht mehr und sollte seiner Meinung nach zurückgebracht und umgetauscht werden. Seine Mutter erklärte ihm mit ruhiger Stimme dass das nicht geht, worauf er immer wütender wurde.
      Als dann noch das Essen durch die Gegend flog hatte ich genug. Ichvschobbihn sanft aus dem Zimmer und wollte ihm grad sagen, wenn du dich beruhigt hast kommst du wieder.
      Soweit kam ich dann nicht weil seine Mama eingriff und mich zurechtwies.
      Sie nahm in auf den Arm und tröstete ihn, ich durfte mich nicht nähern, er beschimpfte mich und schickte mich weg.
      Nachdem ich obige Schreiben gelesen habe, habe ich das Gefühl, eine Rabenoma zu sein. Das verwirrt mich total, sind meine Wertvorstellung von etwas Respekt und Anstand so verkehrt? Und was ist mit Konsequenzen infolge meiner Taten?
      Ich brauche dringend Hilfe sonst sehe ich meine Enkel nie wieder……😢 (Ich bin ein Kind der 60ziger Jahre)

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      1. Liebe Omama,

        eins gleich vorne weg: Du musst dich nicht als Rabenoma fühlen, denn es gibt meiner Meinung nach weder Rabenmütter, noch Rabenomas, es gibt nur blöde Situationen.
        Ich habe jetzt eine Weile über deinen Kommentar und die Situation, die du beschreibst nachgedacht und finde nicht, dass dein Handeln in irgendeiner Art vergleichbar ist mit dem Verhalten meines Verwandten im Text. Die Wut deines Enkels, die du beschreibst, hast du nicht verursacht, die war ja schon da und da es dich störte, dass er mit Essen um sich warf, ist es dein gutes Recht das zu artikulieren und ihn aufzufordern damit aufzuhören. Im Zweifel damit, dass du das Essen aus seiner Reichweite bringst. Ich schließe aus der Reaktion der Mutter, dass auch sie sehr beziehungsorientiert mit den Kindern umgeht, was ich toll finde. Ich denke, sie lehnt nicht deine Wertvorstellungen ab, sondern nur die Art, wie du sie in diesem Moment umsetzen wolltest. Das Kind in dieser Situation mit seinen Emotionen allein vor die Tür zu schicken, ist nach heutigem Stand der Entwicklungspsychologie leider kontraproduktiv und sorgt beim Kind nur dafür, dass es lernt, wenn es aggressiv und „nicht lieb“ ist, ist es unerwünscht. Bitte entschuldige, wenn das für dich jetzt auch wieder furchtbar klingt. Ich denke, man fühlt sich einfach sehr schnell schlecht, wenn die eigenen Erziehungsmethoden plötzlich alle falsch erscheinen. Natürlich sind Respekt und Anstand auch heute noch wichtige Werte, man vermittelt sie nur anders als früher. Man orientiert sich mehr an der Entwicklung des Kindes und das Bild von Kindern ist im Allgemeinen positiver als früher. Sprich, man unterstellt dem Kind keine bösen Absichten, wenn es so wütet, sondern man versucht eher zu sehen, warum es sich überhaupt so verhält. Ich kann und will mir nicht herausnehmen aus dem Text ein Urteil zu fällen, aber ich denke nicht, dass es angemessen wäre, wenn du deine Enkel nicht mehr sehen dürftest, nur weil du wie beschrieben reagiert hast. Ich fände es sogar ziemlich übertrieben. Hilft dir das etwas weiter?

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  1. Liebe Denise,
    ich beobachte alle von dir beschriebenen Verhaltensweisen ebenfalls immer wieder in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis. Es ist die Art und Weise, wie diese Erwachsenen selbst als Kinder behandelt wurden. Die Verletzungen, die sie dadurch erlitten haben, sind ihnen nicht mehr bewußt bzw. es sind „Schutzstrategien“, jetzt nicht mehr darüber nachdenken zu wollen. Deshalb ist die von dir als so wichtig geforderte Empathie den traurigen, wütenden, verzweifelten Kindern gegenüber für sie nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Vielmehr wird dieses emotionale Verhalten von ihnen als lächerlich oder eben mühsam erlebt und abgetan oder schlichtweg verboten und bestraft. Im Grunde hat es SEHR viel mit ihrem eigenen emotionalen Zustand zu tun! So weit so gut… Die Frage ist auch für mich immer wieder: WIE gehen wir mit diesem Wissen um? Halten wir sie einfach von unseren Kindern fern, damit sie dieses verletzende Verhalten nicht weitergeben? Verletzen wir sie gleich nochmal, indem wir sie – selbst wütend – beschimpfen? Ich denke, dass du, wenn du in dieser Situation ruhig bleiben kannst – was ehrlich nicht einfach ist! – deinen Sohn mit seinem Frust unterstützend begleitest UND gleichzeitig noch dem Verwandten ohne Vorwurf erklärst, was DIR wichtig ist, unglaublich viel Wunderbares leistest! WOW!
    Schön wäre natürlich, wenn dieser Mensch dann die Situation zum Anlass nimmt, um später, wenn die Kinder keine Aufmerksamkeit benötigen, nachzufragen, wieso du dieses und jenes so machst etc. Vielleicht ist es dann auch möglich die Information zu geben, dass es früher üblich war, Kinder (nämlich UNS!) so zu behandeln und dass wir JETZT darüber nachdenken können und es versuchen wollen, ANDERS zu machen. DAS wäre natürlich ganz, ganz prima. Wenn allerdings WIR VON UNS AUS später mit ihnen über diese Situation sprechen wollen, ist das wiederum eine sehr sensible Angelegenheit, weil sie es schnell als „Missionieren“ erleben und, falls sie selbst Kinder haben, sofort als Vorwurf ihrer eigenen Erziehungspraxis betrachten.
    Tatsächlich nicht ganz einfach das UND: Wir alle sind ständig im Alltag damit konfrontiert!
    Danke dir fürs Posten und „Sichtbar machen“!
    Liebe Grüße,
    Heidi

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