Eine richtige Eingewöhnung dauert so lange wie das Kind dafür braucht!

Mein großer Sohn hat gerade mit der Eingewöhnung im neuen Kindergarten angefangen, daher ist das Thema bei uns wieder sehr präsent. Ich hoffe, es fällt meinem großen Jungen durch seine „Vorerfahrung“ in der Krippe diesmal leichter sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden. Eins steht fest: Er gibt das Tempo vor!

Eine Eingewöhnung kann sehr lange dauern

Muss sie nicht, aber es ist wichtig sich klar zu machen, dass sich die Eingewöhnung immer am Tempo des Kindes orientieren sollte. Einrichtungen, die feste Zeitpläne für die Eingewöhnung neuer (vor allem Krippen-) Kinder haben, sollten gebeten werden den Zeitplan zu Gunsten des Kindes zu ändern. Auch ein allzu fester Starttermin beim Arbeitgeber kann zu viel unnötigem Druck und Stress auf allen Seiten führen. Egal, wer den Zeitdruck ausübt, letztendlich geht es immer zu Lasten des Kindes und im schlimmsten Fall schlägt die gesamte Eingewöhnung fehl.

Als ich unseren großen Sohn in der Krippe eingewöhnt habe, lief es in den ersten 2 Wochen super und dann kam der große Crash. Er weinte schon bevor wir dort waren, er hatte unglaublich große Verlustängste entwickelt und wirkte sehr sehr unglücklich. Ich hatte das Glück, dass mein Arbeitgeber damals so flexibel war, meinen Starttermin, wenn auch zähneknirschend, sehr spontan um zwei Wochen nach hinten zu verschieben. Ich schätze, so flexibel ist nicht jeder Arbeitgeber. Daher ist es ganz wichtig, den Start in der Einrichtung oder bei der Tagespflege so früh zu legen, dass man in jedem Fall genug Zeit für die Eingewöhnung hat. Meine Empfehlung ist mindestens 8 Wochen einzuplanen, auch wenn man einen Zeitraum von 4-6 Wochen gesagt bekommt. Es ist besser, noch ein paar Wochen frei zu haben, als dass man in der letzten Woche vor dem Wiedereinstieg merkt, dass man eigentlich noch zwei Wochen oder länger bräuchte, bevor man sein Kind guten Gewissens in der Einrichtung abgeben kann.

In der Krippe ist eine sichere Bindung sehr wichtig

Vor allem sehr kleine Kinder (unter 3) müssen eine sichere Bindung zu ihrer Bezugsperson in der Krippe oder Tagespflege aufgebaut haben, bevor man sie einen großen Teil ihres Tages dort betreuen lässt. Susanne Mierau beschreibt in ihrem neuen Buch sehr schön:

Wenn wir einen Arbeitsplatz haben, an dem wir schlecht behandelt werden, an dem wir nicht angemessen unseren Bedürfnissen nachkommen können […] oder wo wir keinen Anschluss bei den Kollegen finden, dann werden wir uns sehr wahrscheinlich einen anderen Arbeitsplatz suchen. Kinder haben diese Möglichkeit nicht. (Geborgene Kindheit, S. 146)

Im Kontext des Buches spricht sie hier davon, dass es auch passieren kann, dass die Einrichtung gar nicht zu unserem Kind passt, das meine ich aber erst mal nicht. So weit sind wir in der Zeit der Eingewöhnung oft gar nicht. Aber auch in der Eingewöhnung gilt: das Kind kann sich gegen unsere zeitlichen Vorgaben und Entscheidungen nicht wehren. Wenn es sich nicht sicher fühlt und nicht angemessen aufgefangen wird, hat es keine Möglichkeit dieser Angst zu entkommen. Ein unter 3-jähriges Kind weiß nicht, dass wir es niemals bei diesen – für es fremden Menschen – lassen würden. Es weiß nicht, dass wir es mittags oder nachmittags wieder abholen kommen. Ist es noch nicht einigermaßen sicher an seine Bezugsperson gebunden, wird es furchtbare Angst erleben und dadurch den gesamten Zeitraum der Trennung einem erhöhten Stresslevel ausgesetzt sein.

Laut Experten dauert die Eingewöhnung eines Kindes ein Jahr (vgl. Mierau, S. 143). Dies ist auch ungefähr der Zeitraum, den unser Großer gebraucht hat, bis er morgens wirklich fröhlich übergeben werden konnte. Ein Jahr lang hatte ich morgens das Gefühl, ich tue meinem Kind etwas schlimmes an, wenn ich ihn in die Krippe bringe. Auch, wenn mir die Erzieherinnen immer berichteten, er fühle sich wohl und sei nach der Verarbeitung unserer Trennung auch immer fröhlich und eigenständig in den Gruppen unterwegs.

Die Eingewöhnungszeit ist wichtig, damit das Kind überhaupt eine Beziehung zu seiner neuen Bezugsperson oder den neuen Bezugspersonen aufbauen kann, aber man darf sich keine Illusion machen, dass alles nach den offiziellen Eingewöhnungswochen ein Klacks ist. „Tatsächlich […] braucht das Kind viele positive Erlebnisse und viele gemeinsame Interaktionen, um wirklich eine tragfähige neue Beziehung aufzubauen“ (Mierau, S. 143). Angelika Mauel beschreibt es im unerzogen Magazin von 4/2016 sogar noch etwas drastischer: „Eigentlich kann man ‚die Eingewöhnung‘ als einen anhaltenden Prozess der Gewöhnung an Umstände ansehen, die den Grundbedürfnissen von Kindern nicht gerecht werden“ (unerzogen Magazin, Ausgabe 4/16, S. 16). Sie meint damit, dass unser heutiges Betreuungssystem mit dem viel zu geringen Betreuungsschlüssel im Grunde keine adäquate Betreuung unserer Kinder zulässt, dass die Kinder aber in der Lage sind, sich an diese Situation auch zu gewöhnen. Ob diese Gewöhnung oder vielleicht auch Resignation dauerhaft wünschenswert ist, das ist eine andere Frage.

Ein verständnisloser Arbeitgeber ist im Zweifel auch kein familienfreundlicher Arbeitgeber

Prinzipiell ist es bei der Eingewöhnung das allerwichtigste sein Kind zu beobachten, ihm zuzuhören und auf seine Signale zu reagieren. Im Zweifel muss der Arbeitgeber eben warten. Und ganz ehrlich? Ein Arbeitgeber, der kein Verständnis aufbringen kann, wenn das Kind nicht nach 2 oder 3 Wochen bei einer ihm völlig fremden Person bleiben will, hat im Zweifel auch schnell kein Verständnis mehr, wenn man zum dritten Mal in drei Wochen Gebrauch von seinen Kinderkrankheitstagen machen muss. Dann ist es vielleicht an der Zeit, sich nach einem familienfreundlicheren Arbeitsplatz umzuschauen. Das Wohl des Kindes hat (zumindest für mich) in diesem Fall immer Vorrang.

Unterschrift für Blog

P.S.: Vor einiger Zeit hatte ich bereits einen Gastbeitrag der lieben Paula von NannyAnny zum Thema Eingewöhnung. Diesen findet ihr hier.

 

Quellen:

Susanne Mierau, Geborgene Kindheit. München: Kösel Verlag 2017

Angelika Mauel, Eingewöhnung: Wann, wie, wo? Wieso, weshalb, warum?, in: unerzogen Magazin Ausgabe 4/16, S. 14ff.

2 thoughts on “Eine richtige Eingewöhnung dauert so lange wie das Kind dafür braucht!

  1. Hallo Denise,

    so eine passende Überschrift zum Thema Eingewöhnung! Besser lässt es sich nicht sagen! Danke für deinen Blogbeitrag und für den Hinweis auf meinen Artikel für unerzogen. Sollte jemand von deinen Lesern Fragen haben oder Erfahrungen mitteilen wollen – bitte einfach melden.
    Alles Gute für dich und deine Famlie!

    Freundliche Grüße

    Angelika,
    http://www.kindergartenkritik.de/

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  2. Hallo Denise,

    was ist aber mit den Kindern, die genau das gegenteilige Reaktion haben? Ich meine, wer entscheidet und wie wird entscheidet, ob es auch eine kürzere Eingewöhnung richtig wäre?

    Unser Sohn, 32 Monate alt, hat die Eingewöhnung in der KiTa angefangen (Krippe Gruppe eigentlich, Kinder unter 3 Jahre alt, er + einige andere Kinder werden zusammen in eine größere Kita Gruppe in ein paar Monate gehen).
    Er war bis letzte Woche in eine Krippe, wo er jeden Tag zwischen 7 und 8 Stunden verbracht hat, das 1,5 Jahre lang (Eingewöhnungszeit da, damals: 2 Wochen). Davor war er kurz in eine Krippe für 3 Monate, wo die Eingewöhnung nicht geklappt hatte (das Kind konnte an Konzept nicht angepasst werden, sie haben keine Abweichungen toleriert).

    Heute war unser 3. Tag in das neue Kita. Wir sind wie in der anderen Tagen 1 Stunde da geblieben. Vom ersten Tag hat er mit der Bezugserzieherin gesprochen und gespielt, am 2. Tag haben sie zusammen im Nebenraum ca. 20 Minuten gespielt, heute auch. Den Abschied heute war aber sehr kurz, und mein Sohn wollte einfach nicht raus. Ich musste ihn anpacken und ihn raustragen 😐. Auf dem Flur folgte einen richtigen Wein/Trotzanfall, er wollte einfach zurück. Ich hatte auch das Gefühl, heute war es für ihn zu kurz gewesen. Die Bezugserzieherin war aber zufrieden mit der Reaktion, morgen versuchen wir die Trennung. Ich frage mich aber, ob es richtig sei, so nach Plan und Konzept zu experimentieren an unterschiedliche Uhrzeiten jeden Tag, für 1-1,5h, wie das Kind darauf reagiert, gegeben dass er schon erfolgreicher Krippenkind war. Ich habe das Gefühl, sowas wirft ihn aus dem Bahn. Ich habe auch ein bisschen Angst, dass morgen die gleiche Szene wie heute geben wird, und wenn es so noch ein paar Tage weiterläuft, er das negativ nehmen wird. Liege ich da falsch? 😐

    Freundliche Grüße
    Ligia

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