Jegliche Gewalt in der Kindheit schadet – ein Interview mit Terrorpüppi

Ich hatte die Ehre mit der lieben Madame FREUDig von Terrorpüppi ein Interview über Gewalt in der Kindheit und die enorme Wichtigkeit einer gewaltfreien Erziehung führen zu dürfen. Sie ist als Psychologin und Psychotherapeutin tätig und hat in ihrem Job regelmäßig mit Opfern von (alltäglicher) Gewalt in der Kindheit zu tun. Daher darf ich sie mit Fug und Recht als Expertin auf diesem Gebiet bezeichnen.


kidzchaos: Warum ist es für Kinder so wichtig gewaltfrei aufzuwachsen?

Madame FREUDig:

Oh, das ist aber eine umfangreiche Frage, auf die es nur eine umfangreiche Antwort geben darf:

Vielleicht erst einmal eine Begriffsbeschreibung, was ich unter Gewalt verstehe. Das speist sich aus unterschiedlichen Definitionen, die ich im Laufe der Zeit immer mal aufgeschnappt habe (Philosophie, Jura etc.). Gewalt bedeutet, dass jemand zu etwas gezwungen wird, indem dazu verschiedene Mittel eingesetzt werden und somit eine freie Willensentscheidung (ja, ich weiß, der freie Wille ist ja auch so eine Sache) verunmöglicht wird. Gewalt findet auf unterschiedlichen Ebenen statt: in zwischenmenschlichen Beziehungen würde ich zwischen physischer, sexueller und psychischer Gewalt unterscheiden.

Gewalt ist etwas, das Traumata auslösen kann. Das findet auf allen Ebenen statt. Ein physisch und sexuell misshandeltes Kind wird psychisch auch traumatisiert. Ebenso ist natürlich Vernachlässigung auf der physischen wie auch auf der psychischen Ebene folgenreich und fürchterlich, aber ich würde das nicht der direkten Gewalt zuordnen. Vielmehr gehört Gewalt und Vernachlässigung zur allgemeinen Misshandlung von Kindern.

Wird ein Kind, wie auch immer, misshandelt, dann hat es unfassbare Ängste, die es überfluten. Immer, wenn für uns Menschen Gefühle zu stark und unaushaltbar werden, dann müssen sie abgewehrt, sozusagen unspürbar, gemacht werden. Ein (kleines) Kind muss seine Welt noch stark in gut und böse aufspalten, denn es hält die Ambivalenz noch nicht aus. Das bedeutet, dass das Gute innerlich zerstört ist, wenn es auch das Böse in derselben Person gibt. Eine Person kann eben nicht sowohl böse als auch gut sein (wie wir es bestenfalls irgendwann mal feststellen), sondern sie ist entweder oder. Diese fatale Spaltung bleibt oft als Abwehrmechanismus ein Leben lang bestehen. (Fatal: siehe aktuell das gut/ böse- Drama zum G20- Gipfel in Hamburg).

Wenn Gewalt zugefügt wird, dann überschreitet das immer Grenzen der betroffenen Person, also des Kindes. Das Kind erlebt sich als böse, schlecht, unwert und natürlich auch als unterlegen, denn das ist, was die gewalttätige Person auf das Kind projiziert. „Ich schlage dich, weil du böse warst“. Es gibt Eltern, die Lust und Macht durch Misshandlungen erleben. Das ist besonderes folgenreich, weil das Kind diese nicht entzifferbare Botschaft der sexuell aufgeladenen Aggression nicht versteht und es zutiefst verunsichert wird.

Durch Identifikationsprozsse wird erlebte Gewalt, oftmals in unterschiedlicher Form transgenerational oft weitergegeben.

person-898710_1280

kidzchaos: Warum halten so viele Eltern an alten Erziehungsmustern fest?

Madame FREUDig:

„Das hat mir doch auch nicht geschadet“ ist ein oft ausgesprochener Satz, der mir an verschiedenen Stellen, beruflich und privat, begegnet. Alle Menschen haben das Bedürfnis sich mit sich im Reinen zu fühlen. Manche Menschen denken, dass sie bestimmte Dinge als Eltern ganz anders machen (!!!) wollen, als ihre eigenen Eltern früher. Das ist erstmal eine wichtige Wahrnehmung, wenn jemand unter etwas gelitten hat. Leider reicht diese kognitive Einsicht nicht zwangsläufig, denn wir Menschen unterliegen, psychoanalytisch ausgedrückt, dem Wiederholungszwang. Die Verhaltenstherapeuten nennen dies die inneren Schemata, denen wir Menschen folgen.

Der Wiederholungszwang lässt uns, insbesondere traumatische, Beziehungsmuster in unserem ganzen Leben immer wieder herstellen. Wenn also ein Mann als Kind von seinem Vater immer wieder verprügelt wurde, wenn er zornig wurde, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass es eine sehr schwierige Situation für ihn sein wird, wenn das eigene Kind wütend und zornig wird. Nicht jeder wird zuschlagen, aber es lohnt sich, sich die Reaktion dann genau anzusehen. Vielleicht zieht sich der Vater schweigend und somit indirekt bestrafend zurück und spricht erst wieder mit dem Kind, wenn es lieb ist. Das Kind wird sehr schnell emotional verstanden haben, dass seine Wut unerwünscht ist und es, wenn es wütend wird, den Vater erstmal verliert. Ein kleines Kind, ein Baby, empfindet die Abwesenheit einer Bezugsperson als Verlust. Objektkonstanz, die Fähigkeit, eine innere Beziehung zu anderen herzustellen, wenn diese abwesend sind, entwickelt sich etwa um den ersten Geburtstag und ist dann aber auch noch nicht immer verfügbar.

Gewaltvolle Erziehungsmaßnahmen bewusst zu wiederholen, etwa durch Backpfeifen oder Ähnliches, hat eventuell den Zweck, das eigene Großwerden in einem guten Licht sehen zu können. Es schützt schließlich die Beziehung zu den eigenen Eltern enorm, wenn eben keine Vorwürfe oder Anklagen über die Schläge oder feindseligen Worte kommen. Es ist möglich, sich selbst zu sagen: ich bin doch wohl geraten, weil meine Eltern so gut und richtig mit mir umgegangen sind. Würde man die Erziehungsmethoden in Frage stellen, würde das unter Umständen auch das Selbst bedrohen. Es gibt etliche Menschen, die ihre Kindheit idealisieren. Teils aus einem unbewussten Auftrag der Eltern, die so gerne gut sein wollten, teils weil sie sich mit der Idealisierung auch selber vormachen können, gut erzogen, also auch ein guter, idealer Mensch geworden zu sein. Das Schlechte ist quasi mit besonderer Härte ausgetrieben worden und nun „ist doch aus mir was geworden“. Je mehr das unbewusst in Frage gestellt wird, desto mehr muss zu so drastischen Abwehrmaßnahmen wie der Spaltung (dessen abgeschwächte Form Idealisierungen und Entwertungen sind) gegriffen werden.

Auf der bewussten Ebene muss man einfach festhalten, dass es tatsächlich unterschiedliche Auffassungen zum Thema Erziehung gibt. Es gibt Menschen, die wollen ihre Kinder zu etwas Bestimmten erziehen. Die Kinder sollen eines Tages z.B. starke, selbstbewusste Menschen werden und für dieses Ziel wird dann eine bestimmte Art der Erziehung oder nicht- Erziehung angewandt.

Abhärtung, die Angst vor Verweichlichung, der Wunsch, die Kinder sollen irgendwann gut in die Gesellschaft passen und müssten deswegen mit übermäßiger Härte auf die Erwachsenenwelt vorbereitet werden, sind verbreitete Gründe, um Kindern mit entsprechender Strenge zu begegnen.

 

woman-1006100_640

kidzchaos: Vielleicht verstehen viele Eltern auch deswegen unter gewaltfrei frei von physischer, aber nicht unbedingt von psychischer Gewalt. Warum ist das gefährlich?

Madame FREUDig:

Es deutet darauf hin, dass es keine Idee davon gibt, wie gewaltvoll und gewalt- (-tät)-ig die eigenen Worte sein können. Wenn Verachtung, Aggressionen und Missfallen feindselig ausgedrückt werden, kann das auch Gewalt sein. Gleichwohl wäre ich sehr vorsichtig damit, jedes Nein und jede Versagung für das Kind als Gewalt zu bezeichnen. Ich glaube, Gewalt hat etwas mit Machtmissbrauch zu tun, der meistens aber nicht bewusst ist. Wenn Gewalt das Mittel zur Durchsetzung eigener Bedürfnisse ist, dann findet psychische Gewalt sehr oft statt.

Ich bin selber kein Verfechter dieses „wenn, dann“- Verbots, welches von vielen Eltern aber auch als Gewalt angesehen wird. Ich finde, es ist dann Gewalt, wenn das Kind sich tatsächlich nicht mehr frei entscheiden kann. Gleichwohl halte ich es aber auch für wenig sinnvoll, das Kind immer vor die Wahl oder vor Entscheidungen zu stellen, die es nicht wirklich selbst überblicken kann. „Wenn du weiter nackig bleiben willst, dann können wir jetzt kein Eis essen gehen“ halte ich für unbedenklich. Ungünstig finde ich hingegen: „wenn du heute beim Arzt lieb bist, dann gehen wir Eis essen“, auch wenn ich verstehe, warum man das zu seinem Kind vielleicht sagt.

Es ist aber auch psychische Gewalt- oder vielleicht besser ausgedrückt- ein Missbrauch, wenn das Kind für etwas Spezielles von den Eltern gebraucht wird. Es ist nicht die Bestimmung eines Kindes, für die Eltern etwas zu erfüllen. Z.B. ist eine verlassene Mutter, die sich abends in den Schlaf weint, vielleicht froh, dass der Fünfjährige bei ihr im Bett schläft, aber die Frage ist: kann er anders? Wie sollte er es aushalten, dass Mama so traurig ist? Ich habe einen solchen Fall tatsächlich mal begleitet und kann nur sagen, dass es schwer auszuhalten war, wie der Junge mit sich gerungen hat. Unbewusst signalisierte die Mutter: mir geht es nur gut, wenn du bei mir bist. Damit ist das ein Missbrauch des Kindes, denn sie brauchte ihn, um sich zu stabilisieren, obwohl sie ihm wörtlich vielleicht mitteilte, dass er doch ruhig in seinem Bett schlafen könne, wenn er sich da besser fühlen würde. Solche Aussagen nennt man double- binds, denn es werden zwei unterschiedliche Botschaften ausgesandt. Ich nenne absichtlich solch ein Beispiel, um klar zu machen, dass auch scheinbar liebevolle Beziehungen durchaus missbräuchlich sein können.

Es ist sehr schwer, sich mit dem Thema der psychischen Gewalt auseinanderzusetzen, denn die eigenen Erfahrungen führen zu unterschiedlichen persönlichen Wahrnehmungen und Grenzen. Vielleicht kann man sich dem Thema annähern, indem man sich selber nach bestimmten Situation nochmal damit auseinandersetzt und mit sich ins innere Gespräch kommt.

ensure-puppchen-1591758_640

kidzchaos: Ist auch Liebesentzug eine Form von Gewalt?

Madame FREUDig:

Das ist schwer zu beantworten, denn Liebesentzug ist in den seltensten Fällen ein bewusst eingesetztes Mittel. In der Konsequenz ist es für ein Kind natürlich entsetzlich, wenn die Eltern sich abwenden, das Kind ignorieren und nicht mehr mit ihm sprechen. Ich erlebe es von Seiten der Eltern aber nicht sehr oft als bewussten Einsatz von Gewalt. Es ist manchmal durchaus eine bewusst eingesetzte Strafe, das Kind wegzuschicken (Stichwort Stille Treppe), aber auch da würde ich gerne vor vorschnellen, einfachen Urteilen warnen. Oftmals sind die Eltern, die diese Mittel einsetzen, emotional nicht besonders kompetent und nur wenig feinfühlig für die Ausdrucksweise ihres Kindes. Sie können die Art des Kindes, sich und die Gefühle auszudrücken nicht aushalten und müssen daher unbewusst eine Distanz schaffen, die womöglich in dem Moment sogar hilft, dem Kind nicht auch noch physische Gewalt zuzufügen, weil sie es nicht aushalten. Natürlich wird eine solche Haltung oftmals durch scheinbar rationale Belege begründet („der muss doch Konsequenzen spüren“), wobei die Not des Kindes auf Grund der eigenen emotionalen Unzulänglichkeit in den Hintergrund tritt. Diese Eltern würden meistens gerne anders können, was aber auch sehr oft abgewehrt wird. Denn dafür müsste man sich selbst in Frage stellen und das ist schwierig. Das ist oftmals der Punkt, wo Kinder nicht mehr „händelbar“ sind und auffällig werden. Manche passen sich dann absolut an und werden „brav“. Wieder andere werden immer aggressiver. Mit Glück kommen sie mit ihren Eltern in Therapie und es kann an der Interaktion und dem Verständnis des Gefühlsausdrucks gearbeitet werden.

 child-2198000_640

Zum Blog

Terrorpüppi ist ein Familienblog, auf dem Kinder noch Kinder sein dürfen. Statt einfachen Wahrh­eiten stehen wir für einen bewussten Umg­ang mit unseren Kind­ern. Der Blog wird von Jessi betrieben und seit Juni 2017 ist Madame FREUDig als Co- Autorin mit an Board. Beide sind durch eine lange Freundschaft miteinander verbunden.

Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens.


Ich danke dir sehr für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen und die Zeit, die du dir dafür genommen hast, liebe Madame FREUDig ❤.

Ihr solltet auf jeden Fall auf Terrorpüppi vorbeischauen!

 

3 thoughts on “Jegliche Gewalt in der Kindheit schadet – ein Interview mit Terrorpüppi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s