Wenn Geschwister geboren werden, sind die Großen immer noch klein!

Vielleicht kennen es einige von euch: das zweite Kind ist da und plötzlich wirkt unser bisheriges Baby, unser erstgeborenes Kind, unglaublich groß. Es braucht uns scheinbar so viel weniger, als das Neugeborene dies tut. Es kann meist laufen, oft auch schon sprechen und will so ziemlich alles allein machen. Aber wir Eltern dürfen nie vergessen, dass unsere Erstgeborenen nicht mit der Geburt eines Geschwisterchens weniger Bedürfnisse haben, oder plötzlich viel selbstständiger sind als noch vor der Geburt. Sie sind nach wie vor kleine Kinder, die uns brauchen.

Auch unsere Erwartungen an die Großen verändern sich. Mir geht es ganz oft so, dass ich denke, dass er ja als großer Bruder Verständnis für einige Verhaltensweisen des Kleinen aufbringen müsste. Zum Beispiel, wenn der Kleine sich mal wieder ein Spielzeug von ihm stibitzt. Da sage ich dann so etwas wie „Na komm, er will es sich ja nur anschauen, lass es ihm doch kurz, er weiß es noch nicht besser“. Würde ich auf dem Spielplatz nie sagen, wenn sich jemand sein Spielzeug nimmt, aber dort ist er dann eben auch nicht der „vernünftige große Bruder“. Ich finde es immer wieder unglaublich schwer, altersgerecht zu reagieren und mich daran zu erinnern, dass er eben nicht plötzlich mehr Verständnis hat und auch nicht logischer denken kann, nur weil er jetzt eben ein großer Bruder ist. Er ist immer noch ein kleiner Dreijähriger, mitten in der Autonomiephase, dem ein „Jetzt stell dich nicht so an, du bist doch jetzt der Große und Vernünftige“ absolut nichts bringt, außer Einsamkeit und ein schlechtes Gewissen wegen seiner eigenen Gefühle. Denn wenn ich ihm sage, er müsse sich doch jetzt eigentlich anders verhalten als er sich fühlt, suggeriere ich ihm, dass mit seinem Gefühl etwas nicht stimmt. Das wird ihn von sich selbst entfernen und es wird dazu führen, dass er sich abgelehnt und unverstanden fühlt. Genau das, was er nicht braucht.

Ich neige auch dazu Entwicklungsschritte des Großen nicht mehr so bewußt wahrzunehmen, weil die Schritte, die der Kleine macht im Vergleich viel größer wirken. Ich möchte aber nicht, dass mein großer Junge sich später daran erinnert, dass er scheinbar für seine Mama nicht mehr so wichtig war wie das Baby und dass er oft auf taube Ohren oder Unverständnis gestoßen ist.

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Er hat noch die selben Bedürfnisse wie vorher, er braucht meine Nähe und Anerkennung und ich darf niemals mein eigenes Defizit an Zeit über ihn wieder wett machen. Wenn das Baby mich von Dingen abhält, weil es oft stillen muss, oder oft Einschlafbegleitung braucht, darf ich mir die Zeit, die mir vielleicht für meine eigenen Projekte fehlt, nicht beim Großen wieder reinholen. Der Große hat ein Recht darauf, weiterhin Zeit mit mir zu verbringen und meine Nähe und Aufmerksamkeit zu spüren. Ich als Mutter habe die Aufgabe, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass da ein kleiner Junge vor mir sitzt, der meinen Zuspruch braucht und der von mir noch genauso gesehen werden will, mit allem, was ihn ausmacht, wie vor der Geburt seines Geschwisterchens.

Ich versuche mir deswegen jeden Tag im Umgang mit ihm – vor allem in stressigen Situationen – zu sagen:

Er ist noch ein kleiner Junge, der meine Liebe und Nähe braucht und der durch die Ankunft seines Bruders nicht plötzlich reifer geworden ist. Er entwickelt sich weiter in seinem Tempo, das unabhängig von meiner Erwartungshaltung ist.

Geht es euch manchmal ähnlich mit euren Großen? Erzählt mir davon.

Unterschrift für Blog

2 thoughts on “Wenn Geschwister geboren werden, sind die Großen immer noch klein!

  1. So geht’s mir auch aktuell. Die Große wirkt schon so viel reifer und ich sage auch öfter:warte jetzt,deine Schwester braucht mich doch zum essen/trinken/schlafen !
    Nach 12 Wochen mit Baby ist es für mich die größte Herausforderung beiden Kindern gerecht zu werden. Ich hadere ständig mit meinrm schlechten Gewissen der Großen gegenüber weil ich a) sehr viel weniger Zeit für sie habe und b) oft auf sehr viel Verständnis hoffe
    Aber ich habe auch festgestellt das sie sehr viel Freude daran hat wenn wir zwar kurze aber qualitativ hochwertige Zeit miteinander verbringen.Das unser Abendritual geblieben ist,auch wenn das Baby gerade schreit.

    Ich gehe jeden Tag neu an,habe keine hohen Erwartungen,weder an die Kinder noch an mich.
    Vor allem schreibe ich mir aber jeden Abend bewusst auf was richtig gut lief und siehe sa,es läuft sehr viel mehr gut als man wahrnimmt.

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    1. Ich denke, es einfach jeden Tag so gut zu machen, wie man es eben gerade kann, ich genau richtig. Ich merke jetzt nach 9 Monaten langsam, dass es wieder besser wird, weil der Kleine eben auch langsam mal kurz warten kann. Das macht Hoffnung 😊.

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