Warum es völlig ok ist erst nach 8 Monaten oder noch später mit (breifreier) Beikost anzufangen

Bereits zur U4 hat unser Kinderarzt mich beim ersten Kind gefragt, ob ich mir denn über die Einführung von Beikost bereits Gedanken gemacht hätte. Das Baby war damals noch keine 4 Monate alt, wohlgemerkt. Als frisch gebackene Mama hat mich das damals ziemlich verunsichert, denn mein Baby zeigte noch so gar kein Interesse am Essen und erfüllte glaube ich keines der berühmten Beikostreifezeichen. Mir ist bewußt warum viele Kinderärzte das Thema so früh ansprechen. Zum einen glaube ich, dass sie oft schlecht informiert sind, was das Stillen angeht. In den Beikostfortbildungen, die von Hipp und Alete gesponsort werden, wird sicher wenig detailliertes Fachwissen über das Stillen verbreitet. Zum anderen ist es in Deutschland leider so, dass Babys früh abgestillt werden. Bereits nach 6 Monaten werden laut Befragungen nur noch knapp 10% der Säuglinge voll gestillt. Nach 9 Monaten haben 80% aller stillenden Mütter ihr Baby komplett abgestillt (Quellen: LaLecheLiga und Stillkinder.de). Man weiß, dass das Allergierisiko geringer ist, wenn allergene Lebensmittel unter dem Schutz der Muttermilch eingeführt werden. Daher raten Ärzte bereits im Laufe des vierten Lebensmonats eines Babys zum Beikoststart. Ausgegangen davon, ist dies also keine schlechte Taktik. Nur sollten die Ärzte vielleicht auch die Abstillabsicht der Mütter abfragen, bevor sie sie mit der Frage nach der Beikost zu einem so frühen Zeitpunkt verunsichern. Es ist nämlich absolut nicht nötig so früh bereits mit der Beikost zu beginnen. An dieser Stelle auch der Reminder, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das ausschließliche Stillen bis zum abgeschlossenen 6. Lebensmonat empfiehlt. Da ist keine Rede von Beikoststart im 4. Monat.

Aber zurück zu meinen eigenen Erfahrungen. Ich hörte mir die Tipps vom Arzt damals also an, lächelte und winkte… und machte es dann wie ich es für richtig hielt. Mit knapp 6 Monaten startete ich, auch ein wenig beeinflusst von außen, einen ersten Versuch mit Brei, den mein Sohn aber grandios verweigerte. Also stillten wir bis er ca. 8 Monate alt war einfach weiter voll ohne uns über die Beikost Gedanken zu machen. Ab diesem Zeitpunkt zeigte er unübersehbar Interesse an unserem Essen und erfüllte auch endlich alle Beikostreifezeichen. Was die Beikostreifezeichen sind, haben Annina & Lena auf ihrem Blog breifreibaby.de für uns hier zusammengefasst. Im Wesentlichen geht es darum, dass Babys sich das Essen selbst zum Mund führen können und dieses nicht aufgrund des Zungenstoßreflexes sofort wieder herausbefördern. Auch eigenständiges Sitzen erleichtert das ganze Vorhaben ungemein.

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Unseren zweiten Sohn habe ich nun auch wieder 8 Monate voll gestillt, bis er ganz eindeutig zeigte, dass er bereit für feste Nahrung ist. Er wollte unbedingt anfassen, was wir da essen und hat sich das Essen sofort in den Mund gesteckt, wenn er es in der Hand hatte. Außerdem konnte er auf unserem Schoß mit Unterstützung im Rücken sicher sitzen und sein Zungenstoßreflex hatte sich zurück entwickelt. Ich hatte allerdings überhaupt keine Lust mich diesmal mit Brei und der vermeintlich vorgegebenen Reihenfolge der Einführung zu stressen. Wenn ich mir jetzt die Kochbücher zur Hand nehme, die ich damals gekauft habe und die Empfehlungen für Reihenfolge und Zeitpunkt der Breie sehe, muss ich lachen, denn es gibt wirklich so gut wie keine Regeln, wenn es ums Essen geht. Im Grunde kann man dem Kind alles geben, was es anzeigt essen zu wollen, egal, ob man Brei wählt, oder Finger Food. Bei uns ist es so, dass der Kleine eigentlich immer genau das essen möchte, was wir auch essen. Er checkt sofort, wenn ich ihm etwas anderes anbiete und meckert so lange, bis er von meinem oder Papas Teller mitessen darf. Und er ist so stolz, wenn er wirklich ganz allein isst. Er hat uns vom ersten Beikosttag an ganz deutlich klar gemacht, dass er nicht gefüttert werden möchte. Er will sich das Essen selbst in den Mund stecken, egal ob Gemüsestick oder Löffel mit Kartoffelbrei.

Kinder lernen schnell mit dem Essen umzugehen

Das tolle an Baby-Led Weaning oder breifreier Kost ist, dass mein Kind selbstständig isst, und selbst regulieren kann, wie viel er sich in den Mund schiebt, wann es zu viel ist und wann die nächste Portion dran ist. Er macht so viele wertvolle und wichtige Erfahrungen auf einmal. Er hat bereits nach ein paar Wochen gelernt, wie viel in seinen kleinen Mund passt und er kann die Nahrung im Mund mit der Zunge betasten und bewegen. Obwohl er erst ein paar Zähnchen hat, kann er das Essen kauen und hat super schnell gelernt die stückigen Dinge zu schlucken. Das Ergebnis ist, dass er sich fast überhaupt nicht verschluckt und wunderbar allein klar kommt. Dass ihm Essen zu weit in den Hals gerutscht ist merke ich nur daran, dass er kurz würgt und sich dann freudestrahlend das nächste Stück in den Mund schiebt. Ich hatte ganz zu Anfang große Angst davor, dass er an etwas ersticken könnte, was ihm beim Essen in den Hals rutscht, aber es hat sich gezeigt, dass meine Angst völlig unbegründet war. Er hat in Windeseile gelernt mit der Nahrung in seinem Mund umzugehen.

Brei ist Convenience Food für die Kinder

Gibt man den Kindern Brei, müssen sie diesen nur herunterschlucken. Sie erleben das Essen nicht. Ihre Zunge kann nichts befühlen und sie lernen natürlich nicht mit Stücken umzugehen, die ihnen in den Hals rutschen. Wenn man dem Kind dann mal etwas Stückiges gibt, lehnt es das Essen wahrscheinlich ab, weil es etwas ganz anderes gewohnt ist, oder es wird sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit verschlucken. Dies vergrößert dann die Angst auf Seiten der Eltern wieder und dem Kind wird weiter nicht die Möglichkeit gegeben, das Essen in seiner richtigen Form zu erkunden. Das ist ein fieser Teufelskreis. Ich kann aus Erfahrung sagen, es lohnt sich, seine Angst von Anfang an zu überwinden und dem Kind zuzutrauen, dass es schnell lernt mit dem Essen umzugehen. Im Grunde ist Brei nichts anderes als Convenience-Food fürs Kind, bei dem es so gut wie nichts lernen kann. Deswegen bin ich froh, mich beim zweiten Kind für den breifreien Weg entschieden zu haben. Es ist so toll zu sehen, welche Fortschritte er in so kurzer Zeit macht und wie viel Spaß er am Essen hat.

Es gibt nur einige wenige Dinge, die man Kindern unter einem Jahr NICHT geben sollte:

  • Salz, da es die Nieren der Kinder belastet. Als Faustregel gilt weniger als 1g pro Tag.
  • Honig, da sich hier Bakterien befinden können, die deinem Baby schaden können.
  • rohe Eier, rohes Fleisch oder roher Fisch wegen Salmonellengefahr.
  • keine kleinen, runden Nahrungsmittel wegen Aspirationsgefahr.

(Quelle: Breifrei Kochbuch von Loretta Stern und Anja Gaca, S. 25)

Am unkompliziertesten ist es, wenn das Kind einfach das isst, was eben auf den Tisch kommt. Natürlich passe ich meinen Speiseplan ein wenig an und koche oft Dinge, die er auch gut essen kann, aber ich koche nicht für ihn etwas und etwas anderes für den Rest der Familie. Das einzige, worauf ich dann achte ist, dass ich erst auf meinem Teller wirklich würze.

Das Kind gibt das Tempo vor und weiß, wann es Hunger hat

Es ist ganz ganz wichtig, sich beim Essen nach dem Tempo des Kindes zu richten (so wie das Kind bei so vielen anderen Dingen das Tempo vorgibt). Essen soll dem Kind Spaß machen, es darf nicht von Anfang an etwas negatives damit verbinden, sonst ist eine Essstörung im Erwachsenenalter mehr oder weniger vorprogrammiert. Stellt euch vor, ein Kind wird ab Beikoststart zum Essen genötigt, wie soll es jemals ein normales Verhältnis zu Nahrung erlernen? Genauso wichtig ist es, das Kind selbst entscheiden zu lassen, wann es essen möchte. Ich habe es bei unserem Großen selbst erlebt. er war immer ein sehr zartes, dünnes Kind. Er ist noch heute auf der 3%-Percentile, heißt, er gehört zu den 3% leichtesten Kindern seines Alters was sein Gewicht angeht. Uns wurde so oft Angst gemacht wegen des Gewichts. Auch unsere Hebamme sagte mir zu Anfang, ich solle dafür sorgen, dass er spätestens alle zwei Stunden stillt, damit er genug zunimmt. Sie meinte damit sicher nicht, dass ich das die nächsten zwei Jahre so machen solle, aber als junge Mutter ohne Erfahrung, hielt ich lange an dieser Aussage fest. Was ich dabei aber tat, ich gewöhnte meinem Kind sukzessive sein Hungergefühl ab. Und das merkte ich dann später deutlich. Er meldete sich einfach nicht mehr, wenn er Hunger hatte bzw. erst dann, wenn das Loch im Bauch schon so groß war, dass er SOFORT etwas essen musste. Er war dann unausstehlich und weinte ohne Grund. Offensichtlich war der Hunger der Grund, aber das wusste er einfach nicht. Es dauerte ziemlich lange, bis wir soweit waren, dass er seinen Hunger wieder selbst erspürte. Heute würde ich ihn bereits als Baby selbst über seinen Hunger entscheiden lassen und ihm nicht auf Verdacht, oder weil die Uhr es sagt Essen bzw. Muttermilch aufdrängen.

Eisenmangel durch zu späten Beikoststart?

Mir wurde vom Arzt am meisten Angst damit gemacht, dass mein Kind einen Eisenmangel entwickelt, wenn er nicht spätestens ab dem 6. Monat Beikost bekommt. Ich habe mich dann allerdings ein wenig mit dem Thema beschäftigt und herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind einen Eisenmangel erleidet, doch eher schwindend gering ist (weitere Infos im Link unten). Man muss sich auch nach dem 4. Lebensmonat vorerst noch keine Sorgen über einen Eisenmangel beim Baby machen. Denn mal ehrlich: Wie viel Eisen (und überhaupt Nährstoffe) ist in ein paar Löffelchen Brei oder ein paar Gemüsesticks schon enthalten und das Baby ersetzt ja nicht von jetzt auf gleich mehrere Stillmahlzeiten. Außerdem müssen mit der eisenhaltigen Nahrung die entsprechend richtigen Stoffe geliefert werden, die in einem Schälchen Karottenbrei sicher nicht enthalten sind.

Dazu kommt, dass der kindliche Organismus das Eisen aus der Muttermilch quasi optimal verwerten kann. Hier mal ein paar Infos von der AFS-Homepage:

Muttermilch (0,08 mg/100 g) enthält mehr Eisen als Kuhmilch (0,046 mg/100 g). Die Eisenkonzentration ist also ein Problem für die Babynahrungsindustrie.
Das Eisen aus der Muttermilch kann zu 50-75 % ins Blut aufgenommen werden, weil es mit den richtigen Stoffen zusammen geliefert wird.

Auch das Eisen aus normaler Nahrung kann vom Körper nur zu 8-10% verwertet werden.

Der Eisenmangel, den Kinderärzte oft fürchten, bezieht sich also eher auf Babys, die mit der Flasche ernährt werden. Denn diese Kinder können das in der Flaschenmilch enthaltene Eisen nur zu 7-10% verwerten, wohingegen Stillkinder bis zu 3/4 des Eisens aus der Muttermilch nutzen. Das bedeutet, dass ein gestilltes Kind länger ohne zusätzliche Nahrung auskommt, als ein Flaschenbaby. Für ein flaschenernährtes Baby macht die Empfehlung des Arztes sicher Sinn, ein Stillbaby muss nicht so früh schon Beikost bekommen.

Fleisch muss übrigens nicht zwingend Bestandteil der Nahrung von Babys sein, es gibt genug eisenhaltige vegetarische Lebensmittel. Bietet man diese in der richtigen Kombination mit anderen Nahrungsmitteln an, kann der Körper auch das Eisen aus dem Gemüse gut verwerten. Vitamin C fördert zum Beispiel die Aufnahme von Eisen.

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Hier eine Liste mit babygeeigneten, eisenhaltigen Lebensmitteln:

  • Linsen
  • Erbsen
  • Petersilie
  • Rote Beete
  • Karotten
  • Fenchel
  • Paprika
  • Wirsing
  • Grünkohl
  • Hirse
  • Reis
  • Kichererbsen
  • Haferflocken

(Quelle: u.a. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.)

Falls ihr euer Baby nun artgerecht essen lassen wollt, findet ihr auf der Seite breifreibaby ganz viele tolle Informationen zum breifreien Essen bei Babys.

Weiterführende Informationen zum Thema Eisenmangel bei Babys findet ihr hier:
http://www.drfischeronline.com/220/baby-beikost-die-wahrheit-uber-eisenmangel-bei-stillkindern/

Hier noch ein wahnsinnig guter Artikel zum Thema Beikostfahrplan und Baby-Led Weaning von Herbert Renz-Polster: http://blog.kinder-verstehen.de/zoff-ums-beifuettern/

Und jetzt wünsche ich euch und euren Babys einen guten Appetit und einen stressfreien, schönen Beikoststart

Unterschrift für Blog

 

Bildquelle: pixabay

 

One thought on “Warum es völlig ok ist erst nach 8 Monaten oder noch später mit (breifreier) Beikost anzufangen

  1. Unser Zwergal hatte zwar schon mit knapp 6 Monaten Interesse am Essen und auch die Beikostzeichen erfüllt, allerdings reichte es, an den Gemüse-und Obststicks zu lutschen… Dabei wurde wild gekaut und laut geschmatzt. Erst gaaaaannnz langsam und allmählich wurden kleinste Stückchen abgeknabbert und geschluckt, so dass ich quasi bis zum 9 oder 10 Monat „voll gestillt“ habe! Dann wurden die verspeisten Mengen etwas gößer, mehr als ein paar Bissen waren es aber auch nicht. Unser Kind keinen Eisenmangel, noch ist es schlecht ernährt. Denn die paar Löffel Brei oder Gemüsesticks können, wie du schon schreibst, weder Eisen- noch Energiebedarf (oder anderen Nährstoffbedarf) gänzlich decken!
    Finde es gut, dass du auf deinen Bauch und nicht auf Ärzte gehört hast!!
    Greets cao

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