Reise zu mir selbst – Teil 2

Die Reise geht weiter

Letzte Woche hatten wir den zweiten Termin bei unserer Familientherapeutin und er war ähnlich aufschlussreich für mich, wie schon der erste Termin.

Diesmal sollten wir eigentlich mit der ganzen Familie anrücken, aber ein kleiner Unfall in der Kita (zu dem ich hier ein wenig mehr geschrieben habe – für die, die es interessiert) hat diese Pläne leider zu Nichte gemacht. Ich war darüber etwas traurig, denn ich hätte gern gehört, wie mein Mann auf Charlottes Fragen antwortet und ob er sie ähnlich hilfreich findet wie ich. Aber es hatte scheinbar nicht sollen sein. Das Chaoskind war kurz vor unserem Termin so kaputt von dem aufregenden Tag, den er erlebt hatte, dass er 5 Minuten vor Abfahrt völlig erschöpft auf der Couch einschlief. Nicht ohne vorher lautstark kund zu tun, dass er zur „großen Charlotte“ (es gibt auch eine kleine Charlotte in seiner Kita-Gruppe) nicht wieder fahren wolle. Klar, sie war ja auch beim ersten Termin sehr deutlich zu ihm gewesen und er hatte diese Begegnung alles andere als schön erlebt. Ich hatte schon damit gerechnet, dass er nicht hinfahren wollen würde.

Da er aber nun eingeschlafen war, stellte sich die Frage also nicht und ich setzte mich nur mit dem Chaosbaby ins Auto. In den Räumlichkeiten angekommen, begann er das Zimmer zu inspizieren und ich begann mich mit Charlotte zu unterhalten. Wie es zwischen den beiden Geschwistern nun sei, wollte sie natürlich zu allererst wissen.

„Anders, besser“ war meine Antwort. Der Große ist zeitweise nicht mehr so ablehnend dem Kleinen gegenüber und bringt ihm sogar regelmäßig Spielzeug. Oder er erinnert mich daran, dass auch das Baby mitkommt, wenn wir irgendwo hinfahren. Mir geht jedesmal das Herz auf. Natürlich gibt es auch immer noch die anstrengenden Momente, in denen er einfach nicht zulassen möchte, dass ich das Baby auf den Arm nehme, aber diese werden gefühlt weniger.

Relikte aus vergangener Zeit

Wir sprachen wieder viel über Grenzen und Bedürfnisse und kamen zu der Tatsache, dass es mir bereits in meiner Jugend schwer fiel meine Grenzen klar zu kommunizieren, weil mir, wie es in den 80er und 90er Jahren in der Kindererziehung nun mal üblich war, meine Grenzen nicht zugestanden wurden und fremde Grenzen auferlegt wurden. Es ist einfach so aufwühlend und spannend zu begreifen, am eigenen Beispiel zu begreifen, wie groß die Folgen dieser Erziehungsmethoden von früher sind. Das klingt, als hätte ich eine furchtbare Kindheit gehabt, was definitiv nicht so war, ich habe meine Kindheit als schön erlebt und meine Eltern waren liebende Eltern, die nach bestem Wissen und Gewissen nur das beste für meine Schwester und mich wollten. Aber die damals gängige Art mit Kindern umzugehen, ihr Nein nicht zu akzeptieren, was damals einfach so in den Köpfen der Eltern festgesetzt war, hat eben weitreichende Folgen. Auch, wenn es „nur“ darum ging, dem Kind zum Beispiel gegen seinen Willen etwas anzuziehen oder es zum Hände waschen zu zwingen. Kleinigkeiten mit großer Wirkung für die Zukunft.

Wir erarbeiteten in unserem Gespräch, dass ich den dringenden Wunsch habe, es bei meinen Kindern nun anders zu machen und ihre Grenzen um jeden Preis zu respektieren und zu wahren, soweit, so gut. Was dabei allerdings passiert, ist, dass ich (schon wieder) meine eigenen Grenzen und damit auch Bedürfnisse übergehe bei dem Wunsch, meinen Kindern möglichst viel zu ermöglichen und möglichst wenig Nein zu sagen. Das war eine große Erkenntnis für mich in diesem Moment, denn mir war nicht bewußt, dass ich einfach nur das bereits bestehende Muster fortsetze. War ich doch der Überzeugung alles ganz anders zu machen und mich bereits intensiv reflektiert zu haben. Oder eben auch nicht… Es ist an der Zeit das Buch Das Kind in dir will Heimat finden zu lesen. Es steht schon einige Zeit im Schrank. Ich werde euch dazu schreiben, wenn ich es gelesen habe.

Der Opfer-Täter-Konflikt

Über das Thema Grenzen kamen wir dann auch auf das Thema Opfer und Täter. Es fällt mir schwer es so offen zu schreiben, aber es gab und gibt Momente, in denen ich mich als Opfer meines Kindes fühle. Wenn ich meine Grenze nicht verteidige und ihn darüber hinweggehen lasse. Vor allem vor dem Abstillen fühlte es sich gegen Ende oft so an, als würde ich zu etwas genötigt, was ich eigentlich nicht will. Ein furchtbares Gefühl und ein schreckliches Paradox es dem eigenen Kind gegenüber zu spüren. Aber nicht er ist Schuld daran, dass es so weit kommt, denn er geht einfach nur so weit, wie ich ihn lasse. Er ist noch zu klein, um zu begreifen, dass jemand etwas nicht möchte und vielleicht nur nicht in der Lage ist laut genug Nein zu sagen. Daraus bildet sich dann ein Teufelskreis. Ich fühle mich als Opfer, fühle mich bedroht und gehe in Verteidigungshaltung. Die dabei entstehende Aggression richtet sich gegen meinen vermeintlichen Aggressor, mein armes Kind, das für sein Verhalten eigentlich nicht wirklich etwas kann. Ich bin aber trotzdem sauer auf ihn und verteidige meine Grenze dann auf völlig unverhältnismäßig vehemente Weise, was er wiederum nicht versteht. Er weiß nicht, warum seine Mama von jetzt auf gleich manchmal auf 180 ist.

Als „Opfer“ fühlen sowohl mein Mann als auch ich uns auch beim Thema Schlafen. Auch das ergab sich in unserem Gespräch und da schließt sich der Kreis zur fehlenden Autonomie unseres Erstgeborenen. Unser liebes Kind hat seinen Tiefpunkt meist so gegen 18 Uhr abends. Zu diesem Zeitpunkt sind wir mitnichten schon so wit, dass wir ihn innerhalb der nächsten 15 Minuten ins Bett legen könnten. Abendessen steht noch aus und genauso umziehen und Zähne putzen. Verpassen wir diesen Tiefpunkt allerdings, dreht er unglaublich auf und findet erst mit völliger Übermüdung zur Ruhe. Was passiert in solchen Momenten also? Wir verpassen (mal wieder) den Augenblick, in dem er sein Bedürfnis nach Schlaf eindeutig äußert oder zeigt. Wir sagen uns selbst dann „Jetzt haben wir den Moment verpasst, jetzt ist es sowieso zu spät, jetzt kriegen wir ihn nicht mehr ins Bett vor 10 Uhr.“ Und damit übergeben wir unserem Kind die gesamte Macht über den Zeitpunkt des Schlafens. Was völlig irre ist, denn sein Bedürfnis nach Schlaf ist nach wie vor vorhanden und will befriedigt werden. Es wird nur von seinem Wunsch unbedingt weiter wach zu bleiben und ja nichts zu verpassen (in der Hinsicht kommt er ganz eindeutig nach seinem Papa ;-)) überlagert.

Bedürfnis nach Schlaf vs. Wunsch nach wach sein

An dieser Stelle unseres Gespräches musste ich sofort an Jesper Juuls Leitwölfe sein denken. Es scheint, unser Kind ist über den Zeitpunkt der stärksten Müdigkeit hinaus nicht dazu in der Lage sich zu regulieren. Das bedeutet aber absolut nicht, dass sein Bedürfnis nach Schlaf sich plötzlich in Luft auflöst. Und hier sind wir Eltern, seine Leitwölfe, gefragt. Wir müssen ihm nun bei der Regulierung helfen. Zum einen, um seinem Schlafbedürfnis nachzukommen, zum anderen aber auch, um unserem eigenen Bedürfnis nach Zeit für uns selbst zu begegnen. Meist ist es nämlich so, dass wir igendwann gegen 22 Uhr dann alle gemeinsam ins Bett gehen. Wir Eltern frustriert und unser Großer jedes Mal der Möglichkeit beraubt seine Autonomie zu schulen. Wenn alle gemeinsam ins Bett gehen, ist das nämlich das Gegenteil von Autonomie. Alle sind im selben Raum und tun das gleiche. Autonomie ist, sich so sicher zu fühlen, dass man zwar gemeinsam im selben Raum ist, aber eben doch bei sich selbst. Man kann autonom einer Beschäftigung nachgehen, die niemand anderen zur Bedingung hat, obwohl dieser andere anwesend ist. Diese Autonomie sieht man häufig bei Eingewöhnungen in Krippen oder Kindergärten. Fühlt das Kind sich sicher genug, dass es etwas tun kann ohne die Aufmerksamkeit seiner Bindungsperson zu benötigen?

Wir Eltern werden nun einen Plan zur Befriedigung des Schlafbedürfnisses unseres Großen und unseres Bedürfnisses nach Eltern-Zeit aufstellen. Dazu werden wir ihn erst einmal ein paar Tage abends besonders gut beobachten und dann ausgerichtet nach seinen und unseren (!) Bedürfnissen überlegen, wie unsere Abende zukünftig ablaufen sollen. Dann gibt es noch eine Familienkonferenz, in der wir die Pläne besprechen, denn wir wollen das Chaoskind natürlich mit einbinden. In der Zwischenzeit lese ich (neben dem oben erwähnten Buch) noch mal Leitwölfe sein von Juul.

Unterschrift für Blog

One thought on “Reise zu mir selbst – Teil 2

  1. Hallo Denise! Wow ein sehr ehrlicher und reflektierender Beitrag… Ich finde mich gerade in dem Abschnitt der eigenen Grenzen wieder – auch bei uns musste es eben so laufen, wie unsere Eltern es wollten und dadurch fiel es mir lange schwer Grenzen überhaupt zu erkennen, wahrzunehmen und einzuhalten (nur was meine Person anging) Meine Kinder haben mir da ganz schön viel beigebracht im Laufe der Jahre 🙂 Es ist doch einfach wunderbar, wie diese kleine Wesen uns zu uns selbst führen können ❤ Alles liebe für euren weiteren Weg! Maria

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