Selbstbestimmung, Gleichberechtigung oder Cappuccino? Dann erst mal einen Cappuccino, bitte!

Schon gehört? Vollzeitmütter sind eine Gefahr für die Gesellschaft. Sie gefährden die Gleichberechtigung. Das behauptet zumindest eine Frauenforscherin in einem aktuellen Artikel auf Spiegel Online. Darin heißt es

Bestimmte Rollenkonstellationen wie die berühmten Cappuccino-Mütter sind schon eine Gefahr für die Gleichstellung. Sie machen dieselbe klassische Arbeitsteilung wie ihre Mütter, sagen aber, sie hätten sich das selbst ausgesucht. Das würde ich als Rollback bezeichnen, wenn Frauen dies als Selbstbestimmung definieren, anstatt auf die Strukturen zu gucken, die dazu führen. *

Allein der Begriff „Cappuccino-Mütter“ ist eine solche Herabwürdigung, dass man schreien möchte. Im Laufe des Artikels wird klar, dass die Dame es vielleicht nicht ganz so herablassend meint, wie es in diesem Absatz herüberkommt, trotz allem steht eben diese Aussage im Raum.

Vollzeitmuttis, die es wagen länger als das erwünschte eine Jahr Pause im Job zu machen, tun nichts anderes als den ganzen Tag mit anderen Vollzeitmuttis Cappuccino oder Latte Macchiato zu trinken und dabei ihre Rentenpunkte zusammen mit ihrer akademischen Ausbildung im hohen Bogen wegzuwerfen. Und um diese Frauen dann direkt ihrer Argumentationsgrundlage zu berauben, wird noch der Satz mit der Selbstbestimmung hinterher geschoben. An sich verstehe ich, was Frau Stiegler damit sagen möchte. Natürlich liegt das Problem im System, aber das ist kein Grund den Frauen, die scheinbar ja Opfer dieses Systems sind, auch noch die Schuld in die Schuhe zu schieben, nur weil sie eine Entscheidung treffen aus zwei Möglichkeiten, die dieses System ihnen übrig lässt. Kind oder Karriere?

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Wäre es in unserem wirtschaftlichen System möglich Familie und Karriere wirklich adäquat zu vereinbaren, müssten wir Frauen diese Entscheidung vielleicht nicht treffen. Würden wir nicht mit Ängsten bezüglich Altersarmut oder Jobverlust nach zu langer Pause zu einer schnellen Rückkehr in den Job genötigt, könnten wir die für uns passende Zeit bei unseren Kindern bleiben und danach ohne Zwang wieder in die Erwerbstätigkeit starten. Ohne uns als Glucken oder Helikopter-Muttis belächeln zu lassen. Und die Ungunst der Frauenrechtlerinnen auf uns zu ziehen.

Solange Männer keine Kinder bekommen und von ihren Hormonen beeinflusst den Wunsch haben, bei ihrem Nachwuchs zu bleiben, gibt es in meinen Augen keine echte Gleichberechtigung. Unternehmen müssen sich bei Männern niemals fürchten, dass sie kinderbedingt für längere Zeit ausfallen und danach ihre Prioritäten plötzlich ganz anders liegen. Der Wunsch von Müttern Zeit mit ihren Kindern zu verbringen mag bei verschiedenen Frauen unterschiedlich ausgeprägt sein, aber ich behaupte, dass es nur sehr sehr wenige Frauen gibt, für die nach der Geburt eines Kindes der Job immer noch das Wichtigste im Leben ist. Und das hat biologische Hintergründe, denn in dieser Hinsicht macht die Natur einfach ihr Recht geltend. Der eigentliche Sinn des Lebens ist nun mal die Arterhaltung, wodurch ganz klar ist, dass wir als Mütter, die wir unser Kind neun Monate in uns getragen haben und es dann unter Schmerzen zur Welt gebracht haben – ob nun per Kaiserschnitt oder vaginaler Geburt – ein gesteigertes Interesse daran haben, unsere Zeit auch mit diesem Nachwuchs zu verbringen und für deren Wohlergehen (selbst) zu sorgen.

Ein wunderbarer Erfolg der Gleichberechtigungsbewegung ist für mich, dass ich als Frau nun das Recht habe, frei über mein Leben zu entscheiden. Und zwar über alle Aspekte meines Lebens. Wenn ich mich also entscheide, mich dem Druck von Politik und Wirtschaft zu entziehen und mir herausnehme länger als 12 Monate bei meinem Kind zu bleiben, ist das für mich auch Gleichberechtigung in Form von Selbstbestimmung. Und diese Selbstbestimmung bilde ich mir nicht ein, die ist da. Leider muss ich mit den Folgen dieser Selbstbestimmung leben, solange das ökonomische System weiter so frauen- bzw. mütterfeindlich eingestellt ist und es weniger um eine gesunde Gesellschaft durch sicher gebundene Kinder, als um eine gesunde Wirtschaft mit möglichst hohem Anteil an Erwerbstätigen geht. Das ist nämlich das eigentliche Problem. Nicht die Mütter, die in den ersten Jahren bei ihren Kindern bleiben wollen sind falsch, sondern das ganze System ist total daneben. Arbeitgeber sind nicht mütterfreundlich. Eigentlich sind sie auch nicht väterfreundlich, denn es gibt noch genug Väter, denen mit Folgen gedroht wird, wenn sie denn Elternzeit beantragen. Kommt ein Vater auf die Idee wegen seiner Familie seine Arbeitszeit von 40 auf 30 Stunden zu reduzieren, kann er sich bald die berühmte Glasdecke von unten anschauen. Aber Mütter sind der wirtschaftlich gefährlichere und unvorhersehbare Faktor.

Wenn Frauen in der Zeit, in der sie bei ihren Kindern zuhause sind, mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen, ist das meiner Meinung nach nicht zwingend ein Rückschritt in der Rollenverteilung. Denn Selbstbestimmung bedeutet auch, dass jede Familie für sich entscheidet, wie sie die innerfamiliären Aufgaben verteilt. Der fairen Verteilung im Wege steht da eigentlich nur die Tatsache, dass Hausarbeit nach wie vor keinen ökonomischen Wert hat und dementsprechend aufgrund der gesellschaftlichen Meinung in den meisten Köpfen nicht dem Bereich „Arbeit“ zugeordnet wird. Ein Vater, der in einer Familie der Alleinverdiener ist, ruht sich auf seinem Status dann vielleicht aus. Auch, wenn die Mutter nach ein paar Jahren wieder arbeiten geht, ändert sich an der Aufgabenverteilung dann nichts, denn in den Augen des Vaters (geprägt durch die gesellschaftliche Sichtweise auf das Hausfrauentum) hat die Frau quasi nichts gemacht, als sie zuhause war. Dann kann sie das bisschen Haushalt ja auch noch neben ihrer wieder aufgenommenen beruflichen Tätigkeit erledigen.

Cappuccino-Mütter, wie Frau Stiegler sie herablassend nennt, sind also keine Gefahr für die Gleichstellung der Frau, sondern die teils missverstandene Idee der Gleichstellung ist eine Gefahr für die Selbstbestimmung von Frauen, die sich mit Beginn der Mutterschaft nicht zurück ins System pressen lassen wollen.

Sehr interessant hierzu ist übrigens das Buch Feindbild Mutterglück von Antje Schmelcher.

Was habt ihr für eine Meinung zu diesem Thema? Seht ihr es ähnlich wie ich, oder denkt ihr Mütter, die länger bei ihren Kindern zuhause bleiben wollen sind eine Gefahr für den Feminismus und die Dinge, die die Frauenbewegung bis jetzt errreicht hat?

Unterschrift für Blog

* Quelle:
http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/barbara-stiegler-zum-gleichstellungsbericht-cappuccino-muetter-als-gefahr-a-1153435.html

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