Warum ich die klassische Erziehung ablehne

Lange Zeit wurden Kinder gewissermaßen als asoziale Halbmenschen angesehen, die der massiven Einflussnahme und Manipulation der Erwachsenen bedürfen und zudem ein gewisses Alter erreichen müssen, ehe man sie als vollwertige Menschen betrachtet. (Jesper Juul in Dein kompetentes Kind)

Wie so oft trifft Jesper Juul den Nagel mit dieser Aussage auf den Kopf. Er spricht von „massiver Einflussnahme“ und „Manipulation“ und meint damit Erziehung. Beide Begriffe lassen sich sehr leicht mit dem Thema Gewalt in Verbindung bringen. Und genau das will ich hier auch tun. Ich halte Erziehung für Gewalt. Zumindest einen großen Teil dessen, was wir gemeinhin als Erziehung bezeichnen. Warum ich das so sehe und Erziehung im klassischen Sinn ablehne, erkläre ich euch jetzt.

Da man unter Erziehung verschiedene Dinge verstehen kann, hier zu allererst zwei Definitionen, wie ich Erziehung verstehe:

Das Wort Erziehung wird als Sammelbezeichnung für alle erfolgreichen und erfolglosen Versuche verwendet, das Verhalten von Mitmenschen, insbesondere von Kindern, in einer gewünschten Richtung zu ändern (Wolfgang Brezinka).

Das bedeutet, dass ich als Erwachsene entscheide, dass ein junger Mensch, der mir und meiner Macht zu 100% ausgeliefert ist, meinen höchstpersönlichen Vorstellungen nicht entspricht und ich ihn deswegen anders haben möchte. Um ihn zu ändern nutze ich die mir gegebene Macht und konditioniere und manipuliere sein Verhalten, bis er zwar nicht mehr er selbst ist, dafür aber meinen Vorstellungen entspricht. *clap clap*

Hier noch eine weitere Definition von K.R.Ä.T.Z.Ä, die noch deutlicher auf die Erziehungsproblematik hinweist:

Erziehung ist eine planmäßige (absichtliche) und zielgerichtete Tätigkeit zur Formung meist junger Menschen. Erziehung findet also nicht „ganz natürlich“ bei jeder Kommunikation, bei jeder Beeinflussung, statt, sondern nur, wenn sich einer über den anderen erhebt und meint, ihn zu einem Ziel (hiner)ziehen zu dürfen oder zu müssen. Es gibt bei Erziehung immer ein Erziehungssubjekt und ein Erziehungsobjekt, den Ziehenden und den Gezogenen, den Erzieher und den Zögling, ein Oben und ein Unten.

Erziehung bedeutet, dass ich mich über jemanden stelle und diese Person damit zu meinem Erziehungsobjekt mache. Allein das heißt bereits, dass ich mich über ihn erhebe und ihn als mir nicht ebenbürtig definiere. Ich versuche jemanden – meinen Zögling – nach meinen Vorstellungen zu formen. Das gilt noch  nicht mal nur für Kinder, auch als Erwachsener wird man noch oft von anderen Erwachsenen erzogen. Begegnet mir immer wieder. Vor einigen Jahren sagte ich mal einen Satz mit „Ich will“ statt „Ich möchte“ und erntete – mit weit über 20 Jahren auf dem Buckel – ein „Will-Kinder kommen in die Suppe!“ Diese Situation werde ich nie vergessen. Damals hat sich das erzogene Kind in mir natürlich für das böse W-Wort geschämt und ich wiederholte schnell das „Ich möchte“. Heute würde der junge Mann, der die Worte sprach, etwas ganz anderes zu hören bekommen… also, nicht nur Kinder werden in unserer Gesellschaft erzogen, auch als Erwachsener ist man davor nicht sicher. Daher ist es umso wichtiger, dafür zu sensibilisieren, wie gewaltvoll und gemein Erziehung eigentlich ist, damit sich die falschen Glaubenssätze gar nicht so fest in unseren Gehirnen verankern können.

Spinnst du? Warum ist Erziehung Gewalt?

Wenn ich erziehe, muss ich meine Macht gegenüber dem Kind ausnutzen, um es zu bestimmten Verhaltensweisen zu bewegen. Wenn ich Macht ausübe, um meine Ziele zu erreichen, dann ist das ein Akt von psychischer Gewalt. In jeder Beziehung zwischen zwei Erwachsenen würde man dies auch sofort anerkennen. Wenn mein Vorgesetzter auf der Arbeit mich mit Drohungen oder Erpressung zu einem bestimmten Verhalten zwingt, würde ich ihn wegen Nötigung anzeigen und vor Gericht wahrscheinlich Recht bekommen. Bei Kindern ist das allerdings scheinbar etwas anderes. Wenn Kinder mit wenn-dann-Erpressung oder mit psychischer Gewalt, wozu auch und vor allem der Liebesentzug zählt, zu etwas gebracht werden, ist das völlig legitim. In unserer Gesellschaft werden Kinder aufgrund ihres Alters diskriminiert. Man sieht sie als Objekte.

Kinder haben Rechte. Sie haben ein Recht darauf, selbstbestimmt und frei von Gewalt aufzuwachsen. Gewaltfreiheit ist sogar gesetzlich garantiert. §1631 BGB Abs. 2. Sie müssen Kinder sein dürfen, mit allem, was die Kindheit mit sich bringt und wir dürfen sie nicht formen, damit sie für uns bequemer sind. Denn Erziehung hat nichts anderes zum Ziel, als Kinder für unsere Erwachsenenwelt angenehmer zu machen. Leise, gehorsam, manierlich. Gut erzogen eben. Erziehung hat leider absolut nichts mit Respekt zu tun. Genau dies ist aber ein wichtiger Bestandteil jeder Beziehung zwischen zwei Menschen. Egal wie alt die beiden Parteien sind.

Respekt beruht auf Gegenseitigkeit

Es ist mir sehr wichtig, dass mein Kind sich von mir ernst genommen und respektiert fühlt. Eigentlich würde ich sogar sagen, dass mich dieser Gedanke durch den gesamten Umgang mit meinen Kindern begleitet. Mein höchstes Ziel ist es, dass mein großer Sohn (der Kleine ist da noch außen vor) sich von mir geachtet und gesehen fühlt. Er soll das Gefühl haben, ich behandle ihn fair und stelle für ihn keine anderen Regeln auf, als für mich selbst bzw. für die Erwachsenen. Dazu gehört für mich zum Beispiel auch, dass ich ihn nicht anlüge. Auch keine Notlügen, die man ja gerne mal nutzt, wenn man keine Erklärung mehr für ein Verbot oder ähnliches hat: „Die Gummibärchen sind alle. Ich kann dir keine mehr geben.“ Dabei liegen drei volle Packungen im Schrank, ich will ihm nur keine mehr geben. Respektvoller wäre es, mich auf seine Augenhöhe zu begeben und ihm zu erklären, dass ich einfach nicht möchte, dass er noch mehr Süßigkeiten isst. Da das aber natürlich mit Protest von Seiten des Kindes einhergeht, was durchaus, je nach Alter des Kindes, sehr unangenehm werden kann und empathischer Begleitung bedarf, nehmen viele Erwachsene den leichten Weg und nutzen Notlügen. Wenn ich mich über mein Kind erhebe, es manipuliere oder mit bestimmten Mitteln versuche sein Verhalten zu steuern, nur weil ich die Macht dazu habe, hat das weder mit ernst nehmen noch mit Respekt zu tun.

Ich kann ihn aber nur ernst nehmen, wenn ich eine bestimmte Einstellung ihm gegenüber habe. Ich darf nicht denken, dass ich mehr wert bin als er oder aus Prinzip Recht habe, nur weil ich älter bin. Es ist im Grunde alles eine Sache der Sichtweise auf Kinder. Sehe ich sie als unvollkommen, auf meine erziehende Hilfe angewiesene Wesen, oder sehe ich sie als kompetente Beziehungspartner, denen in manchen Situationen natürlich die Lebenserfahrung fehlt, die aber deswegen nicht weniger intelligent sind als ich? Wir sollten wieder beginnen, unseren Kindern mehr Vertrauen zu schenken und sie wissen lassen, dass sie völlig ok sind, wie sie eben sind und dass wir nicht versuchen sie nach unseren Vorstellungen zu verändern.

Wir müssen nichts an unseren Kindern ändern, wenn wir sie auf eine gute Zukunft vorbereiten wollen, sondern etwas an uns selbst. (Susanne Mierau in Geborgene Kindheit, S.39)

Unterschrift für Blog

 

P.S.: Ich weiß, es gibt bereits einige Texte, die genau dieses Thema behandeln. Dennoch finde ich es wichtig, immer wieder aufs Neue darauf aufmerksam zu machen, dass Erziehung ein gewaltvoller Akt ist; so dass so viele Menschen wie möglich darüber nachdenken können und ihre eigenen, ganz persönlichen Schlüsse für ihr Zusammenleben mit ihren Kindern ziehen. Man kann es nicht oft genug in die Welt posaunen :-).

 

Weiterführende Links:

Es gibt viele tolle Menschen, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen und anderen Denkanstöße geben. Ich liste euch hier einige Blogs auf, auf denen ihr euch noch intensiver mit dem Thema „Erziehung ist Gewalt“ beschäftigen könnt:

https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com

http://elternmorphose.de

http://unerzogenleben.com/index.php/blog/

http://geborgen-wachsen.de

Quellen:

https://www.hf.uni-koeln.de/data/lebama/File/Definitionen%20von%20Erziehung.pdf

http://kraetzae.de/erziehung/erziehen_ist_gemein/

Jesper Juul, Dein kompetentes Kind, Rowohlt Verlag, 2011.

Susanne Mierau, Geborgene Kindheit, Kösel, 2017

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