Ein älteres Kind gleichberechtigt abstillen

Ich bin Langzeitstillerin. Meinen großen Sohn habe ich insgesamt 34 Monate lang gestillt. Das sind 2 3/4 Jahre. Für mich und viele Mamas in meiner Umgebung ist das eigentlich eher „Normalzeitstilen“, denn das natürliche Abstillalter eines Kindes liegt bei ca. 3-5 Jahren. Mein zweiter Sohn hat die Uhr aber für mich wieder auf Null gestellt sozusagen. Aktuell gibt es keine blöden Kommentare und noch lange keinen Abstillwunsch. Weder von meiner noch von seiner Seite. Auch seine gerade wachsenden Zähnchen ändern daran zum Glück nichts.

Als ich bei meinem Erstgeborenen mit ca. 2 Jahren darüber nachdachte ihn zumindest nachts abzustillen, weil ich die vielen nächtlichen Unterbrechungen meines Schlafes nicht mehr aushielt, wurde mir das sanfte Abstillen nach Gordon empfohlen. Haben wir dann auch gemacht, aber so sanft war das leider nicht. Gordon basiert auf begleitetem „Schreien lassen“ und beruhigen ohne zu stillen. Das klingt jetzt nach Ferber, das ist es natürlich nicht. Aber wenn man sein Kind nicht weinen lassen kann oder möchte, wird man mit dieser Methode nichts erreichen. Ich habe mehrere Versuche unternommen nach Gordon nachts abzustillen und alle sind daran gescheitert, dass ich meinen Sohn nicht weinen lassen konnte. Denn es sprach keine Wut oder Trotz aus ihm, sondern pure Verzweiflung. Ich merkte an seinem Weinen wie wichtig ihm das Stillen noch war und habe es nicht übers Herz gebracht, ihm dies zu nehmen. Meine Freundinnen sagten mir auch immer wieder, dass ich auch nicht bereit gewesen war, wenn ich nicht bereit war, ihn in seiner Trauer zu begleiten und so war es auch. Der Leidensdruck auf meiner Seite war bei allen gescheiterten Versuchen nicht groß genug.

Je älter ein Kind wird, umso mehr Mitspracherecht hat es in der Stillbeziehung. Es ist viel einfacher einen Einjährigen abzustillen als einen Zweijährigen, denn der Einjährige wird zwar auch weinen und seine Trauer kundtun, aber ein Zweijähriger kann oft bereits in Worte fassen, was er will und sich wünscht. Ich habe es so empfunden, dass mein Sohn mit zunehmendem Alter immer gleichberechtigter wurde in unserer Stillbeziehung. Natürlich ist auch ein Baby ein gleichberechtigter Partner in einer Stillbeziehung, aber vom Gefühl her trifft die Mutter Entscheidungen das Stillen betreffend trotzdem allein. Das ändert sich, wenn die Kinder älter sind. Ich entscheide dann nicht mehr allein.

Das Abstillen meines Sohnes erfolgte schlussendlich einvernehmlich. Ich erklärte ihm, dass ich nachts nicht mehr stillen wolle, weil es für mich nicht mehr schön war ihn nachts zu stillen. Ich besprach mit ihm, dass wir zum Einschlafen stillen können und dann wieder, wenn es wieder hell ist, zum Aufwachen. Er war mit 2 1/2 soweit die Bedingung Tag/Nacht zu verstehen. Wenn er nachts aufwachte, fragte ich ihn, ob es schon hell sei. Wenn er dann durch die Rollladenschlitze sah, dass es noch dunkel war, legte er sich zu mir und wir kuschelten bis er wieder schlief. Natürlich klappte das nicht vom ersten Tag an so. Ich hatte mich allerdings auf mehr Gegenwehr eingestellt und es kam so gut wie keine. Das zeigte mir, dass er endlich bereit dafür war diesen Schritt zu gehen.

Der erste Schritt zum Abstillen ist, sich Gedanken darüber zu machen, ob man wirklich Abstillen möchte. Bei einem meiner Versuche merkte ich plötzlich, nachdem ich meinem Sohn schon Stunden die Brust verweigert hatte und er weinend in meinem Arm lag, dass ich überhaupt nicht bereit war dieses Band zwischen uns zu durchtrennen. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, ihn nicht mehr zu stillen. Also sprach ich mit ihm, erklärte ihm dass ich gedacht hatte, ich wolle nicht mehr stillen, dass dies aber nicht stimmte und ich es erst jetzt gemerkt hatte. Ab diesem Zeitpunkt habe ich das Stillen auch wieder viel mehr genossen und auch, wenn ich lange das Gefühl hatte versagt zu haben, war es eben genau der richtige Weg. Ich fühlte mich inkonsequent und schämte mich für das Hin und Her was ich meinem Kind und auch meinem Mann antat. Dieses Gefühl wurde aber nur verursacht von einem kleinen Teufelchen in meinem Kopf, das mir immer wieder sagte „Du bist so inkonsequent! Nichts kannst du zu Ende bringen!“ Ich bin heute froh, dass ich diesem Teufel widerstanden und mich von meinem Sohn habe leiten lassen.

Als wir an einem Punkt angekommen waren, an dem ich zu 100% überzeugt war, dass ich unsere Stillbeziehung so nicht weiterführen wollen würde, war auch die Reaktion meines Kindes eine ganz andere. Er spürte, dass ich es ernst meine und dass sich etwas ändern würde – ohne Rückwärtsgang. Er akzeptierte „meine Entscheidung“ und wir stillten von einem auf den anderen Tag nicht mehr. Natürlich fragte er noch gelegentlich, aber wenn ich ihm erklärte, warum wir nicht mehr stillen und ihm eine Alternative bot, war es jedesmal ok.

Fazit

Es ist völlig in Ordnung Abstillversuche zu machen und wieder abzubrechen, wenn man merkt, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt. Wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes in die eigene Entscheidung mit einfließen zu lassen, damit es ein einvernehmliches Prozess ist. Deswegen habe ich oben auch Anführungszeichen gesetzt. Natürlich hatte ich letztlich entschieden, dass wir nicht mehr stillen, aber ich hatte auch die Wünsche meines Kindes bei meiner Entscheidung nicht außer Acht gelassen. Man muss sich klar machen, dass alle Abstillmethoden, und werden sie als noch so sanft bezeichnet, niemals sanft sein können, wenn man die Bedürfnisse des Kindes völlig außen vor lässt. Daher gibt es eigentlich keine Methode, die das Abstillen zu einem tränen- und trauerarmen Prozess macht, wenn man den Zeitpunkt nicht gemeinsam bestimmt.

Es ist wie in anderen Beziehungen auch: will man sich einvernehmlich trennen, muss man miteinander reden, sich gegenseitig ernst nehmen und die Perspektive des anderen verstehen. Wird ein Partner übergangen oder einer fährt ausschließlich seine eigene Linie, ohne Rücksicht auf Verluste, ist Gegenwehr und Streit vorprogrammiert und die Trennung ist Quälerei für beide Parteien.

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