Reise zu mir selbst – unser 1. Termin bei der Familientherapeutin

Der Reise erste Station

Vor ein paar Tagen war unser erster Termin bei unserer Familientherapeutin. Wie ich schon in meinem letzten Beitrag zu unserer Situation erzählt habe, haben wir entschieden eine Therapeutin zu Rate zu ziehen, weil unser großer Sohn sich nach wie vor so schwer tut mit der Tatsache, dass er nun kein Einzelkind mehr ist.

Ich kann direkt vorweg nehmen, ich bin überzeugt davon, dass die Entscheidung genau die richtige war und dass uns diese Frau wirklich helfen wird.

Wir kamen in den Räumlichkeiten an und ich habe mich direkt wohlgefühlt. Es gab jede Menge Spielzeug und es lagen sich zwei Matratzen gegenüber auf dem Boden, auf denen es einige Kissen gab, mit denen ich es mir mit dem Kleinen gleich bequem machte. Der Große stürzte sich sofort auf die Spielsachen. Und dann fingen wir an, uns zu unterhalten.

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Ich erklärte ihr noch einmal die Situation und sie fragte einige Details zu den beiden Geburten und zum Verhalten des Großen ab. Derweil begann dieser damit Spielsachen aus dem Kaufladen, der dort im Zimmer stand, auf meiner Matratze abzuladen. Erst legte er die Sachen nur ab, mit andauerndem Gesprächsverlauf, ich hatte mittlerweile auch damit begonnen den Kleinen zu stillen, fing er an mit den Sachen nach mir zu werfen. Er tat dies allerdings nicht, um mich zu ärgern, sondern um meine Aufmerksamkeit zu bekommen und um mich davon abzuhalten, mich weiter zu unterhalten. Denn auch, wenn er scheinbar spielte, verfolgte er doch jedes Wort, was wir sprachen.

Unmittelbare Reaktion

Ich sagte ihm, ich wolle nicht, dass er mit den Sachen nach mir wirft, dass er sie bitte legen soll. Als er aber nicht aufhörte (er hatte ja meine Aufmerksamkeit noch nicht wieder gänzlich zurück) bat auch Charlotte ihn damit aufzuhören. Da er aber genau wusste, dass wir auch von ihm sprachen und scheinbar etwas vor sich ging, hörte er auch dann nicht auf. Daraufhin wurde Charlotte sehr deutlich und nahm intensiven Blickkontakt mit ihm auf. Seine Reaktion war so interessant zu beobachten, da er dem Blick zwar lange stand hielt, aber sehr schnell begann sie anzugrinsen. Ich musste sofort an einen Artikel vom Gewünschtesten Wunschkind denken, in dem erklärt wird, warum Kinder in solchen Situationen grinsen. Er war verlegen und das Grinsen sollte die Frau, die da so vehement ihre Grenze deutlich machte, beschwichtigen. Als das Grinsen nicht zum gewünschten Erfolg führte, konnte er dem Blick nicht länger stand halten und brach den Blickkontakt ab. Er schaute dann kurz zu Boden und kam zu mir. Bei mir angekommen brach er in Tränen aus, weil die Situation ihn, denke ich, emotional überforderte und weil er merkte, dass er etwas „falsch“ gemacht hatte, worauf er sehr direkt aufmerksam gemacht worden war. Bei mir wird er normalerweise eher in Watte gepackt, Charlotte hatte das nicht getan. Ich nahm ihn in den Arm und tröstete ihn. Sein Verhalten und meine Reaktion darauf waren vermutlich für die Therapeutin wie aus dem Lehrbuch und bereits an diesem Punkt konnte sie sagen, wo das Problem denn nun sehr wahrscheinlich liegt.

Nicht die Kinder haben das Problem – natürlich nicht…

Es war faszinierend und frustrierend zu sehen, wie deutlich der Große in dieser kurzen Sequenz zeigte, dass seine „Anpassungsstörung“ rein gar nichts mit seinem Geschwisterchen zu tun hat. Er hatte seinen Bruder nämlich in der ganzen Zeit völlig in Ruhe gelassen und ihm sogar Spielzeug abgegeben in der Zwischenzeit. Eigentlich hätte ich es auch wissen können. Das Problem besteht zwischen mir und meinem Erstgeborenen. Im Laufe des weiteren Gespräches – nach ca. 20 Minuten hatte er aufgehört zu weinen – versuchte er weiter mich davon abzubringen mit Charlotte zu sprechen. Er verlangte, dass ich sofort zu ihm ans Fenster komme, damit er mir draußen etwas zeigen könne. Mein Angebot, mich fertig zu unterhalten und dann zu ihm zu kommen, ließ er nicht gelten, er wollte, dass ich JETZT zu ihm komme und schrie uns bei jedem weiteren Wort dazwischen.

Bindung und Autonomie

Worin besteht nun das Problem, dass er seinen kleinen Bruder nicht anschauen will, nicht von ihm berührt werden will und ihn scheinbar nicht mag? Dafür muss ich etwas ausholen. Wie ihr vielleicht in meinen früheren Beiträgen schon gelesen habt, habe ich den Großen lange gestillt. Insgesamt fast 3 Jahre, durch die gesamte Schwangerschaft hindurch und auch nach der Geburt noch einige Wochen. Unsere Bindung war  – nicht nur aber auch durch das Stillen – sehr eng.

Kinder sehen sich und ihre wichtigste Bindungsperson – in den meisten Fällen wahrscheinlich die Mutter – in den ersten ca. 18 Monaten als Symbiose. Sie erkennen keinen Unterschied zwischen sich und der Mutter. Beide können nur gemeinsam existieren. Mit ca. 18 Monaten fängt das Kind dann an eine gewisse Autonomie zu entwickeln und beginnt sich auch als Individuum, unabhängig von der Mutter zu begreifen. Es kann sich dann z.B. allein beschäftigen, obwohl sie im selben Raum ist. Es kann in Teilen verstehen, dass man auch getrennt voneinander existieren kann. Und zwar nicht nur, wenn die Mutter gerade nicht anwesend ist, sondern eben auch, wenn sie in seiner Nähe ist.

Aus irgendeinem Grund, den wir vielleicht im Laufe der nächsten Wochen noch herausfinden werden, sieht mein großer Junge uns aber noch immer als Einheit. Und diese Einheit wird gestört durch ein neues Objekt, mit dem ich eine Symbiose eingehe. Er fühlt sich ersetzt. Soweit nichts neues und nichts, was ich nicht in „Die Entthronung der Erstgeborenen“ bereits gelesen hatte. Dass es allerdings an mir liegt und zwar an meiner Fähigkeit, mich von ihm abzugrenzen, war mir so nicht bewußt. Das eigentliche Problem scheint nämlich zu sein, dass ich ihm zu wenig bzw. zu spät meine Grenzen aufzeige. Ich sage ihm selten nein und gehe dabei über meine eigenen Grenzen hinweg. Hauptsache das Kind ist nicht unglücklich. Ganz klassisch, liberale Erziehung – falsch interpretiert. Dabei konnte er aber nicht lernen, dass ich eben eine eigenständige Person bin, die Wünsche, Bedürfnisse und gewisse Grenzen hat, die anders sein können als seine. Genau diesen Entwicklungsschritt müssen wir mit etwas Unterstützung jetzt noch gemeinsam machen.

Ich habe in den letzten Tagen so viel darüber nachgedacht, wie einfach so vieles, was man selbst erlebt hat und wie man sich dann seinen Kindern gegenüber verhält miteinander verwoben ist. Dass wir als Eltern heutzutage so viel lesen, so informiert sind, ist einerseits natürlich toll für unsere Kinder, andererseits lassen wir uns dadurch aber auch oft verunsichern und es ist so viel schwerer den richtigen Weg mit unseren Kindern zu finden und diesen auch konsequent zu gehen. Man möchte nichts falsch machen, aber es gibt gefühlt 1 Million Möglichkeiten eine falsche Abzweigung zu nehmen. Ich hoffe, dass Charlotte mir dabei behilflich sein kann, unseren Weg noch klarer zu sehen und nicht so einfach von ihm abzukommen.

Ich bin schon ganz gespannt auf unseren nächsten Termin. Ich erzähle euch dann wieder davon.

Unterschrift für Blog

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