Warum ich mich nicht von meinen Kindern wegschleiche

Gestern war hier wieder Oma-Tag. D.h. meine Schwiegermutter kommt zu uns und unternimmt mit dem Großen etwas draußen. Ich bin ihr dafür dankbar, denn sie entlastet mich damit sehr.

Der Sohnemann hatte gestern aber keine Lust nach draußen zu gehen und wollte lieber drin mit der Holzeisenbahn spielen – sein liebstes Spielzeug bereits seit langer Zeit. Also beschloss ich, die Zeit für mich zu nutzen, meiner Schwiegermutter beide Kinder zu überlassen und in der Stadt etwas zu erledigen, was ich schon recht lange aufgeschoben hatte.

Mein Großer war und ist ein sehr anhängliches Kind. Er möchte eigentlich nicht ohne mich sein. Obwohl er schon über 3 ist, fallen Trennungen (hauptsächlich von mir, aber auch von anderen Bindungspersonen) ihm extrem schwer. Für mich ist das in Ordnung, meist ist einfach nur etwas Geduld und Ehrlichkeit gefragt. Habe ich einen Termin, zu dem ich ihn nicht mitnehmen möchte, sage ich ihm das ganz offen und wenn die Argumentationskette in seinem kleinen, süßen Gehirn angekommen ist, lässt er mich mit dem Versprechen, dass ich bald wieder nach Hause komme, normalerweise immer gehen.

Gestern war es allerdings schwieriger. Ich konnte ihm nicht glaubhaft klar machen, dass ich allein gehen möchte, da mein einziges Argument war, dass ich schnell wieder zurück sein wollte, was für ihn nicht schlüssig war. Also ließ er es nicht gelten und wollte unbedingt mit. Ich versuchte ihm das Spiel mit der Oma schmackhaft zu machen, aber nichts half.

In einem kurzen Moment, in dem er abgelenkt war, bedeutete meine Schwiegermutter mir dann, ich solle doch schnell die Wohnung verlassen, er würde es ja gerade nicht mitbekommen. Es ist nicht so, dass wir darüber nicht schon mehrere Male gesprochen hätten, aber ich sagte ihr noch einmal, dass ich mich nicht einfach rausschleiche, nur um die Konfrontation mit meinem Kind zu vermeiden. Tatsächlich wirkt es bei meinem Jungen so, wie das Gewünschtes Wunschkind es in ihrem Artikel zu diesem Thema auch beschreibt. Das Drama, was es gibt, wenn ich mich verabschiede, bleibt aus, wenn ich einfach gehe. Aber die Ängste, die mein Kind dann durchleben muss, sind nicht zu unterschätzen.

Das Gewünschteste Wunschkind beschreibt es in ihrem Artikel folgendermaßen:

Die plötzliche Abwesenheit der geliebten Eltern ist eine Art Schock für das Kind. Es sieht von seinem schönen Spiel auf und stellt mit Schrecken fest, dass seine Bindungspersonen wie vom Erdboden verschluckt sind. Das ist nicht nur unheimlich, sondern wirkt sich verheerend auf das zukünftige Sicherheitsgefühl des Kindes aus.Es lernt nämlich daraus, dass es scheinbar immer und jederzeit möglich ist, dass die Eltern (und damit sein sicherer Hafen) verschwinden. Damit bleibt seine eigene Sicherheit unvorhersehbar, so, wie das Verschwinden der Eltern unvorhersehbar ist. Das Kind lebt in chronischer Furcht, dass ‚es‘ wieder passieren könnte und tut sein Bestmögliches, das zu verhindern. (Das Gewünschtes Wunschkind)

Sprich, das Kind wird einfach nur noch anhänglicher werden und sich nie sicher fühlen, dass ich es nicht allein lasse. Ich möchte aber, dass mein Kind sich immer und jederzeit sicher sein kann, dass ich es nie einfach irgendwo zurück lasse.

Für mich hat es mit Gleichwürdigkeit und Ehrlichkeit zu tun, dass ich mein Kind nicht einfach unangekündigt verlasse. Auf die Idee würde ich bei einem Erwachsenen ja auch nicht kommen, nur weil zu erwarten ist, dass er nicht möchte, dass ich schon gehe.

Ich selbst kann mich daran erinnern, dass ich als Kind immer furchtbare Verlustängste hatte, wenn meine Mutter „nur eben schnell“ etwas erledigen wollte und uns im Auto hat warten lassen. Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, weil ich mich nicht aktiv daran erinnere, aber ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass auch meine Eltern sich von uns weggeschlichen haben, als wir kleiner waren. Damals dachte man, nur weil das Kind nicht protestiert, geschieht auch in seinem Inneren nichts.

Deswegen rät auch meine Schwiegermutter immer wieder, ich soll doch in einem unbeobachteten Moment einfach gehen, und hat keinerlei Verständnis dafür, dass ich erst mit meinem Kind spreche und solange warte, bis ich merke, er ist bereit dafür, dass ich gehe. Wirklich, dass sie nicht mit den Augen rollt, wenn ich zum 10. Mal ankündige, dass ich jetzt gehen möchte, ist noch alles. Das macht es nicht gerade leichter und auch mein Sohn bemerkt dann, dass ich die Situation am liebsten so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte, weil ich mich unter Druck gesetzt fühle.

Es ist leider sinnlos, aus dieser Richtung auf Einsicht zu warten, daher mache ich einfach mein Ding und lasse sie denken, was sie möchte. Die Generation meiner Eltern hat es einfach anders gelernt und erlebt. Die Art und Weise, wie heute mit Kindern umgegangen wird und wie Kinder als vollwertiges Individuum angesehen werden, das nicht belogen, von seinen Gefühlen abgelenkt oder eben einfach ausgetrickst und verlassen wird, ist denke ich, schwer nachzuvollziehen.

Ich merke gerade, ich könnte zum Thema Unterschiede der Generationen noch zig weitere Artikel schreiben und schweife ab.

Was mir wichtig ist noch mal ganz klar zu sagen:

Auch, wenn es der mühsamere Weg ist, schleicht euch niemals heimlich von eurem Kind weg! Auch dann nicht, wenn euch jemand anderes weiß machen möchte, es sei nicht schlimm. Für euer Kind ist es sehr schlimm.

Beim Gewünschtesten Wunschkind gibt es noch viel ausführlichere Informationen zum Thema, lest euch den Artikel doch dort durch.

Unterschrift für Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s