Windelpopo jenseits des 3. Geburtstages

Das Chaoskind ist nun deutlich über 3 Jahre alt und Windelfreiheit ist nur bedingt in Sicht. Von den Großeltern sind nun immer öfter die üblichen Bemerkungen zu hören. „Na langsam wird es aber ja mal Zeit, dass er aufs Töpfchen geht. Zieh ihm doch einfach keine Windel mehr an“. Auch beliebt: „Geht er immer noch nicht aufs Töpfchen?“ (mit entsprechend vorwurfsvollem Blick). Anfangs haben mich diese Kommentare verunsichert und unter Druck gesetzt.

So gut wie alle Kinder in unserem Umfeld sind mittlerweile trocken – auch nachts – und sind zum Teil sogar noch jünger. Ich habe mich natürlich gefragt, was mit meinem Kind „nicht stimmt“, warum er einfach immer noch auf seine Windel besteht. Die Situation bei uns ist folgende: Er bittet aktiv darum, dass wir ihm eine Windel anziehen, wenn er merkt, er muss. Egal ob nun Pipi oder Kacka. Das hat uns noch mehr gewurmt weil er ja offensichtlich in der Lage ist, seine Beckenbodenmuskulatur zu beherrschen. Warum kann er dann nicht einfach aufs Klo gehen, wie die meisten anderen Kinder in seinem Alter auch? Das waren unsere Gedanken.

Also fing ich an, mich zu informieren, um den schlauen Kommentaren begegnen zu können und um sicher zu sein, dass mein Mama-Instinkt mal wieder auf dem richtigen Weg ist. Ich war mir sicher, dass wir kein Töpfchentraining machen müssen und auch kein Belohnungssystem einführen, um unser Kind zur Toilette zu bewegen. Uns war aber klar, dass wir keinen Druck ausüben wollen.

5 Schritte zur Windelfreiheit

In den meisten Fachtexten wird der Weg zur Windelfreiheit als Zusammenspiel aus physiologischen und psychologischen Aspekten beschrieben. Zum einen geht es darum, die körperlichen Fähigkeiten zum trocken werden zu erlangen und zum anderen will das Kind Autonomie und Kontrolle über seinen eigenen Körper und dessen Ausscheidungen gewinnen. Das Kind durchläuft laut Entwicklungspsychologie 5 Schritte bei der Sauberkeitsentwicklung, die je nach Kind individuell bis zum 5. Lebensjahr ablaufen können. Hat ein Kind über das 5. Lebensjahr hinaus offensichtlich noch Probleme zu spüren, dass es Pipi oder Kacka muss (und ich meine hier nicht, dass es einfach nicht ins Töpfchen machen will, sondern dass es wirklich nicht bemerkt, wann es muss), sollten körperliche Probleme von einem Arzt ausgeschlossen werden. Allerdings nur, um sicher zu gehen, dass dem Kind nichts fehlt, denn die verzögerte Entwicklung kann, muss aber nicht auf etwas pathologisches hindeuten.

Im ersten Schritt bemerkt das Kind, dass sich Stuhlgang ankündigt.

Im zweiten Schritt hält das Kind inne, meist sucht es sich ein ruhiges Plätzchen, um sein Geschäft zu verrichten. Es macht ganz bewußt Kacka und gibt danach auch darüber Bescheid „Kacka macht“.

Nun hat das Kind eine bewußte Entscheidung getroffen und möchte im dritten Schritt selbst über das „Produkt“ in seiner Windel entscheiden. Es hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vorstellung von sich selbst als Individuum und lernt, dass es einen eigenen Willen besitzt.

Im vierten Schritt kann das Kind immer besser und schneller einordnen, wie sich nahender Stuhlgang anfühlt. Es lernt seine Schließmuskeln zu trainieren und kann in Grenzen willentlich Kacka machen oder den Stuhlgang kurze Zeit zurückhalten.

Im fünften Schritt kann das Kind dann rechtzeitig ankündigen, dass es muss. Oft beginnt das Kind dann damit die gesamte Prozedur von an- und ausziehen, sich selbst säubern und die Spülung zu betätigen alleine erledigen zu wollen.

Abgeschlossen ist die Sauberkeitsentwicklung offiziell, wenn das Kind Pipi und Kacka so lange zurück halten kann, bis es die Toilette erreicht hat, sie selbstständig benutzen kann und auch nachts aufwacht, wenn es zur Toilette muss (Quelle: Fachzeitschrift kindergarten heute).

Es kann bis weit ins fünfte Lebensjahr hinaus vorkommen, dass ein Kind so sehr in sein Spiel vertieft ist, dass es sich in die Hose macht, weil es die Signale zu spät wahrnimmt und die Blase überläuft. Dies ist normal und muss nicht als Rückfall betrachtet werden.

Abwehr und Ekel nicht aufs Kind übertragen

Kinder können zwischen ihrer Person und ihrem Tun bzw. allem, was für sie zu ihnen gehört lange nicht unterscheiden. Will man dem Kind sagen, dass seine Windel stinkt und sagt etwas wie „Du stinkst“ oder „Das ist eklig“, kann das dazu führen, dass das Kind diese Attribute auf sich selbst bezieht und sich „mit einem Makel behaftet fühlt“ (kindergarten heute 6-7/2011, S. 39). Solche Äußerungen sollten genauso vermieden, werden wie dem Kind übertriebenen Ekel vor seinen eigenen Ausscheidungen einzureden.

Windel nicht ausziehen wollen als Teil der Autonomieentwicklung

Wie oben bereits erwähnt, ist es in der dritten Phase der Sauberkeitsentwicklung oft so, dass Kinder bewußt Kacka in die Windel machen, die Windel aber dann für längere Zeit nicht ausziehen wollen. Sie empfinden die Kacka in der Windel als Teil von sich, immerhin ist es aus ihnen herausgekommen. Also möchten sie auch selbst darüber entscheiden, was damit nun passiert. Wenn die Hautempfindlichkeit des Kindes es zulässt, sprich es nicht sofort wund wird, sollte man dem Wunsch nach Selbstbestimmung des Kindes zumindest für einen Moment nachgeben und dem Kind keinesfalls unter Protest und damit mit Gewalt die Windel ausziehen und es sauber machen. Auch sollte das Kind nicht abgelenkt werden, damit es das Wickeln nicht bewußt mitbekommt, „da dieses Vorgehen vom Kind als mangelnde Wertschätzung seiner neuen Gefühle verstanden werden kann. Oft gelingt es mit Ruhe nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit des Kindes zu bekommen und es so zu einer einwilligenden Kooperation zu ermuntern. Ein einfühlender, achtsamer und respektvoller Umgang mit dem Kind bleibt wesentlich. Es ist wichtig, es in derartigen Verweigerungssituationen (wie auch bei einer Essensverweigerung, vgl. Juul 2002) nicht zu einem Machtkampf kommen zu lassen. Zieht sich der Erwachsene in diesen Krisensituationen auf seine Machtposition zurück, aus Angst vor Kontrollverlust, kann das Kind nicht die sichernde Erfahrung machen, dass es sich auch einmal abgrenzen darf und dennoch geliebt und geschützt bleibt.“ (KitaFachtexte: Gabriele Haug-Schnabel, „Die Sauberkeitsentwicklung unter dem Aspekt des Erlangens von Autonomie und Kontrolle“, S. 8)

Rückschritte während der Sauberkeitsentwicklung

Kleinere Unfälle auch wenn das Kind vermeintlich schon trocken ist, kann es immer wieder geben und sie gehören meist noch zum gesamten Entwicklungsprozess dazu. Richtige Rückschläge bzw. Rückentwicklungen gibt es oft bei Kindern, deren Mütter erneut schwanger sind oder dann nach der Geburt eines Geschwisterchens. Die Kinder sind dann mit der neuen Situation überfordert und haben keine Kapazitäten, sich weiter mit dem Trocken werden zu beschäftigen. Bei einem Geschwisterchen kommt auch noch das Gefühl des Verlustes der elterlichen Liebe und Fürsorge dazu. Das Kind möchte in dieser Situation keine weitere Selbstständigkeit gewinnen, weil es Angst hat noch mehr der Aufmerksamkeit seiner Bezugspersonen zu verlieren, als ohnehin schon. Es möchte gern klein bzw. abhängig bleiben, damit Mama sich weiterhin in 1:1-Betreuung beim Wickeln und Sauber machen um es kümmert. So kann es sein, dass ein Geschwisterchen ein Kind in der Entwicklung um Monate zurückwirft. Ich bin mir (mittlerweile und nach langem darüber nachdenken) sicher, dass genau dies bei unserem Sohn der Fall ist. Er war auf einem geradlinigen Weg in die Windelfreiheit bevor sein Brüderchen geboren wurde und wollte plötzlich partout nicht mehr aufs Töpfchen gehen nach der Geburt. Der Verlust unserer Aufmerksamkeit war für ihn bereits zu groß und er wollte nicht noch unabhängiger von uns werden. Er sah, wie mein Mann oder ich das Baby liebevoll wickelten und wollte auch lieber wieder Baby sein. Das fällt mir auch in anderen Situation bei seinen Verhaltensweisen oft auf, was meinen Verdacht bestätigt.

Es ist wichtig das Kind bei Rückschritten, egal wie groß oder klein sie sein mögen, nicht zu schimpfen oder zu demütigen, sondern verständnisvoll zu sein und (bei größeren Rückschritten) nach dem Grund zu suchen.

Warum Belohnungen (bzw. Bestrafungen) für eine trockene Unterhose oder eine Nacht ohne Unfall kontraproduktiv sein können

Die Sauberkeitsentwicklung ist ein Reifungsprozess und lässt sich weder mit Belohnungen, noch mit Bestrafungen beeinflussen. Ist das Kind körperlich und geistig soweit, wird es in der Lage sein auf Töpfchen oder Toilette zu gehen, vorher nicht. Ende der Geschichte.

Wenn Kinder für eine trockene Nacht, belohnt werden, können sie das Gefühl bekommen die Belohnung nicht verdient zu haben, weil sie spüren, dass sie keinen Einfluss darauf hatten, was belohnt wird, womit die Belohnung (die an sich schon ein fragwürdiges Mittel in der Erziehung ist) ihren Sinn verliert (vgl. Haug-Schnabel in KiTaFachtexte Link s.u.).

Nicht das Kind ist falsch!

Jedes Kind hat bei der Sauberkeitsentwicklung sein völlig individuelles Tempo, welches man ohne sehr große (unnötige und oft schädliche) Anstrengungen auch nicht beeinflussen kann und das ist völlig in Ordnung. Auch ein 4-Jähriger darf noch Windeln tragen, wenn er für den Schritt in die Windelfreiheit noch nicht bereit ist. Nicht die Kinder sind falsch in diesem Moment, sondern die Erwartungen unserer Gesellschaft. Vor einigen Jahren wurden Kinder nur dann in den Kindergarten aufgenommen, wenn sie trocken waren, also wurde von den Eltern viel dafür getan, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Auf das individuelle Tempo der Kinder wurde dabei keine Rücksicht mehr genommen, denn es war nun einmal nötig windelfrei zu sein. Das hat allerdings die gesellschaftliche Vorstellung, wann Kinder denn nun bitte trocken sein sollten an genau dieses Alter gebunden. Die Tatsache, dass ein Kind rein physiologisch bis zu 5 Jahre brauchen kann (und darf), um den Prozess der Sauberkeitsentwicklung zu durchlaufen, ist dabei völlig untergegangen. Daher kommt es auch, dass sich viele Großeltern, die in den 80ern selbst Eltern waren, heute bei den Enkeln zu Wort melden und beginnen direkten und indirekten Druck auszuüben.

Achtung: Ohren auf Durchzug und gelassen bleiben

Ich habe für mich festgestellt, dass es bei diesem Thema (zumindest mit einigen Personen aus meiner [Schwieger-]Familie) keinen Sinn macht zu erklären und auf mehr Verständnis zu hoffen, da die Erwartung, das Kind müsse mit 3 Jahren doch endlich sauber sein, zu tief sitzt. Daher hilft bei uns aktuell nur Ohren auf Durchzug schalten und sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Wenn die Großeltern unseren Sohn direkt ansprechen und ihm z.B. das Versprechen abringen wollen, bis zum nächsten Besuch doch „wie die Großen“ zur Toilette zu gehen (wie es vor kurzem passiert ist), greifen wir ein und bitten darum, das Kind einfach in Ruhe zu lassen. Ansonsten bieten wir ihm einfach regelmäßig die Toilette oder das Töpfchen an bzw. erinnern ihn an diese Möglichkeit und lassen ihm die Wahl.

Fazit

Auch , wenn ein Kind mit Beginn des 4. Lebensjahres noch nicht trocken ist, ist es völlig altersgerecht entwickelt und keineswegs abnormal! Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass viel mehr Kinder erst im Laufe des 4. Lebensjahres windelfrei würden, hätten ihre Eltern  nicht die Erwartungshaltung, dass dies zum 3. Geburtstag passieren muss und würden aktiv darauf hin arbeiten, dass das trocken werden ihres Kindes mit diesem Termin zusammenpasst.

Unerwartete Änderung unserer Situation: während ich an diesem Artikel schrieb, hat mein Kind sich gerade aufs Klo gesetzt und Kacka und Pipi gemacht, als hätte er noch nie etwas anderes gemacht!!! Ich raste aus! Damit kann ich auch gleich eine Lanze für die Geduldstaktik brechen: Geduld haben und dem Kind sein eigenes Tempo lassen, zahlt sich aus und es funktioniert! Wie sehr man sich über Ausscheidungen am richtigen Ort freuen kann 😀

Unterschrift für Blog

Quellen:

Kita Fachtexte, Prof. Gabriele Haug-Schnabel, „Die Sauberkeitsentwicklung unter dem Aspekt des Erlangens von Autonomie und Kontrolle“: http://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_Haug_Schnabel_II_Sauberkeitsentwicklung_2011.pdf.

Kindergarten heute – Fachmagazin für Frühpädagogik: Ausgabe 6-7/2011, S. 39-41, „Wie können wir Kinder auf ihrem Weg in die Windelfreiheit begleiten?“ von Prof. Susanne Viernickel.

4 thoughts on “Windelpopo jenseits des 3. Geburtstages

  1. Auf die Kaka Windeln können wir hier auch noch nicht verzichten und die werden auch bis zum bitteren Ende angelassen…Da muss man bitten und betteln und sie dran erinnern, dass ihr nachher wieder alles weh tut… Vor ein paar Wochen hatte sie mal 2 Tage Durchfall und ist da freiwillig immer aufs Klo – Durchfall vorbei -> es wurde wieder die Windel verlangt… Sie hält es zur Not den halben Tag ein oder noch länger weil sie auch generell nur daheim oder bei Oma macht. Pipi trocken ist sie seit einem Jahr, ganz von sich aus und ohne Zutun von uns und auch quasi fast Unfallfrei in dem ganzen Jahr (2 von insgesamt 4 Unfällen waren eher meine „Schuld“ weil ich die öffentliche Toilette noch säubern wollte). Nachts bleibt die Windel auch seit einiger Zeit bis kurz vorm Aufstehen trocken und wenn sie rein macht ist sie eigentlich immer schon wach – aber sie will sie nachts noch etwas behalten. Ist auch ok…. Die Kaka Windel nervt mich zugegebenermaßen schon etwas. Aber mein Neffe war z.B. genauso, bei dem hat es auch nach dem Pipi trocken werden noch ein Jahr gedauert bis er auf die Kaka Windel verzichten wollte und der Kinderarzt meint auch, dass viele Kinder die sogar mit 5 oder noch später noch „brauchen“. Also soll sie machen was sie für richtig hält.
    Was das „deutlich über 3 betrifft“ in unserem Kindergarten rennen einige Kinder noch den ganzen Tag mit Windel rum. Da sind auch 4 jährige dabei.
    Und Glückwunsch, vielleicht ist ja gerade der Knoten geplatzt 🙂

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