In der Sandkastenhölle: Wir sind die Anwälte unserer Kinder!

Es gibt schon viele Artikel, die erklären, warum man kleine Kinder nicht zum Teilen anhalten soll bzw. muss und alle finde ich einleuchtend. Was ich an dieser Stelle gerne noch einmal hervorheben möchte, ist die Rolle, die uns Eltern zukommt, wenn es beispielsweise auf dem Spielplatz zu einer Situation kommt, in der ein fremdes Kind ein Spielzeug meines Kindes haben möchte oder sich vielleicht sogar einfach nimmt.

In diesem Fall ist es als Mutter oder Vater eigentlich meine Pflicht, den Besitz meines Kindes zu respektieren und zurückzuholen, wenn mein Kind dies nicht selbst tun kann. Ich bin meinem Kind verpflichtet, keinem fremden Kind und ich sollte nicht mein Kind überreden oder auch dazu verdonnern, das Spielzeug mal eben kurz herzugeben, mit der Aussage „kriegst es ja gleich wieder“. Ich sollte ganz klar hinter meinem Kind stehen und dem fremden Kind sagen, dass mein Kind seine Sachen gerade nicht teilen mag oder sogar bereits „entführtes“ Spielzeug wieder zurückholen. Denn welche Botschaft kommt bei meinem Kind wohl an, wenn ich seinen Besitz nicht verteidige und seinen Wunsch ignoriere?

Es ist ok, wenn sich jemand anderes gegen meinen Willen etwas von mir nimmt. Ich darf mich nicht darüber beschweren und meine (liebste) Bezugsperson ist nicht auf meiner Seite, sondern ergreift Partei für den anderen. Ich bin auf mich allein gestellt und der Willkür anderer ausgesetzt.

Ich muss in diesem Moment der Anwalt meines Kindes sein. Ideal ist es natürlich, wenn die Kinder den Konflikt untereinander lösen und ich sollte versuchen ihnen die Möglichkeit dazu zu geben. Oft sind die Kinder aber auch noch zu klein oder der Altersunterschied ist sehr groß, so dass ich als Mutter immer vermittelnd (aber im Zweifel eben immer auf der Seite meines Kindes) eingreifen würde. Ich will meinem Kind nicht das Gefühl geben, dass ich es in einer Notsituation – die es für das Kind in diesem Augenblick vielleicht ist – allein lasse.

In den meisten Fällen haben die Erwartungen anderer anwesender Eltern großen Einfluss auf unsere eigenen Reaktionen. Viele Eltern möchten gern zeigen, dass ihr Kind bereits soziale Regeln erlernt hat. Andere Eltern sollen bloß nicht denken, wir hätten unser Kind nicht im Griff oder es sei schlecht erzogen. Diese Erwartungen von außen lassen viele Eltern vergessen, wem sie eigentlich verpflichtet sind. Zu groß ist die Angst vor einem gesellschaftlichen Fauxpas. Wenn ich in eine solche Situation gerate, versuche ich mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass ich mich in erster Linie meinem Kind gegenüber nachvollziehbar und konstant verhalten muss. Ich möchte ihm nicht zeigen, dass man sich in Anwesenheit anderer plötzlich ganz anders verhält als zuhause. Ich versuche mich dann frei zu machen von dem Gedanken „Was die jetzt wohl denken“ und gebe mir große Mühe für mein Kind analog zu meinem sonstigen Verhalten zu reagieren.

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Für uns ist es normalerweise kein Problem das Spielzeug im Sandkasten zu verleihen, wir wissen ja schließlich, dass wir es wieder mit nach Hause nehmen werden, egal, wer damit gespielt hat. Unser Kind sieht das aber vielleicht anders. Ein sehr junges Kind weiß auch einfach noch nicht, dass es sein Spielzeug wieder zurück bekommen wird. Daher finde ich es immer wichtig, das Kind zu fragen, ob es das Spielzeug verleihen möchte. Hat es nichts dagegen, ist alles gut. Möchte es seine Schaufel oder den Bagger (egal ob gerade bespielt oder nicht) nicht teilen, erhebe ich mich nicht über diese Entscheidung. Nein heißt auch in diesem Moment nein. Auch, wenn es aus unserer erwachsenen Sicht vielleicht nicht sozial oder egoistisch wahrgenommen wird.

Vor zwei Tagen im Sandkasten hatten wir genau die beschriebene Situation. Gleich zwei andere Kinder hatten erhebliches Interesse am Bagger (den er zu diesem Zeitpunkt nicht bespielte, aber kurz davor in der Hand gehabt hatte) und am Eimer meines Sohnes. Das ältere der beiden Kinder fragte, ob es den Bagger haben könne und bot sogar sein Spielzeug als Tauschobjekt an, was ich unglaublich süß fand. Mein Sohn aber sagte nein und nahm seinen Bagger demonstrativ an sich. Ich hatte nun also zwei Möglichkeiten zu reagieren. Ich konnte ihn dazu überreden, den Bagger zu verleihen oder ich konnte dem fremden Kind sagen, dass mein Sohn seinen Bagger leider gerade nicht hergeben möchte. Ich habe mich für letzteres entschieden, auch wenn das andere Kind dadurch etwas traurig war. Ist mein Sohn mal etwas älter und hat gelernt, sich in andere hineinzuversetzen, kann ich versuchen, seine Empathie zu wecken, so dass er seine Entscheidung vielleicht noch einmal zu überdenkt. Solange er dazu noch nicht in der Lage ist, ist es mir wichtiger meinen Sohn nicht unglücklich zu machen, statt andere Kinder glücklich.

Das jüngere der beiden Kinder schnappte sich derweil unseren Eimer und schaufelte fröhlich Sand hinein. Mein Sohn sah mich an und sagte mit leicht verzweifeltem Tonfall „Eimer haben!“. Ich forderte ihn also zuerst auf sich den Eimer wieder zu holen, was er sich aber nicht traute. Er bat mich mit dem Worten „Nein, Mama Eimer holen“. Da ich mir vorgenommen hatte, die Interessen meines Kindes zu vertreten und ihm dabei zu helfen, seine Integrität zu wahren, ging ich also – unter den wachsamen Augen der Oma des kleinen Jungen – zu dem Kind hin, reichte ihm seinen eigenen Eimer, sagte ihm, dass N. seinen Eimer nun gerne zurück haben wolle, und nahm unseren Eimer an mich. Die Oma beäugte mich argwöhnisch, sagte aber nichts. Der kleine Junge schaute unserem Eimer zwar kurz hinterher, widmete sich dann aber gleich seinem eignen. Ich gab meinem Sohn seinen Eimer und fühlte mich gut, dass ich für ihn eingestanden war, dass mir sein Wohlbefinden wichtiger gewesen war, als das des fremden Kindes und ich ihm das auch hatte zeigen können. Er hat erlebt, dass ich seinen Besitz und sein Nein respektiere und ihn als eigenständige Person achte.

 

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