Hilfe, mein Kind haut mich. Ziehe ich einen Schläger groß?

Mein Kind haut mich ab und zu. In letzter Zeit sogar häufiger. Manchmal weiß ich, dass er sich über irgendetwas ärgert, manchmal schlägt er ganz unvermittelt, ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Meine erste Reaktion darauf ist Entrüstung und Wut. Oft ist mir der Satz herausgerutscht „Was soll das denn?! Warum haust du mich denn?“. Den Tonfall dieses Satzes könnt ihr euch vorstellen. Freundlich und leise war er nicht.

Nachdem das Schlagen öfter vorgekommen war, habe ich angefangen darüber zu lesen, weil ich wissen wollte, was eigentlich dahinter steckt. Dass mein Kind einfach nur bösartig und aggressiv ist, konnte ich mir kaum vorstellen.

Und, siehe da, ich musste mich nicht lange mit dem Thema beschäftigen, um herauszufinden, dass mein Kind das Schlagen als Kommunikationsmittel nutzt – einfach, weil ihm die Möglichkeiten fehlen, sich anders auszudrücken.

Wenn kleine Kinder (meist so um das zweite Lebensjahr herum) anfangen zu schlagen, dann hat das verschiedene Motivationen. Es kann ein Ruf nach Aufmerksamkeit sein: „Mama/Papa, ich will, dass du mich bemerkst.“ Manche Kinder hauen oder beißen auch, weil sie damit ihre Liebe ausdrücken wollen (vgl. Jesper Juul, Aggression, S. 43)

Ganz häufig schlagen kleine Kinder allerdings bei emotionaler Überforderung. Gerade Wut und Frustration sind sehr sehr starke Gefühle, mit welchen die Kinder erst einmal nur schwer umgehen können. Auch wir Erwachsenen haben oft keine andere Art mit unserer Wut umzugehen, als zu schreien oder mit der flachen Hand auf den Tisch zu hauen etc. Diese Strategie zur Wutbewältigung ist eigentlich also ganz normal. Mit schreien oder schlagen wird in unserem Blut Adrenalin abgebaut. Wir können diese Emotionen allerdings im Erwachsenenalter besser kontrollieren, weswegen wir unserem Gegenüber nicht einfach eine mitgeben, wenn wir uns über etwas sehr ärgern. Kinder haben noch nicht gelernt diese Emotionen einzuordnen und damit umzugehen.

Auch entwickeln Kinder erst mit 3-4 Jahren die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (Empathie), daher ist es zwar in Ordnung dem Kind zu sagen „Das tut mir weh“, man sollte allerdings nicht erwarten, dass das Kind danach Verständnis zeigt und ab sofort nicht mehr haut.

Man sollte dem Kind möglichst nicht vermitteln, dass es etwas böses macht, wenn es seine Aggressionen und seine Wut zum Ausdruck bringt. Wut ist an sich ein Gefühl wie jedes andere auch und es ist für ein Kind sehr wichtig den Umgang mit diesem Gefühl zu lernen, statt verboten zu bekommen, dieses Gefühl überhaupt zu haben. Außerdem verbinden Kinder Kritik an ihrem Verhalten immer automatisch mit ihrem Selbst. Das hat entwicklungspsychologische Gründe. Sie können ihr Wesen nicht von Ihrem Verhalten trennen. Sagen wir einem Kind also, dass es sich falsch VERHÄLT, kommt beim Kind an DU BIST FALSCH. Dazu gehört auch, dass man dem Kind nicht sagt „Das macht Mami/Papi traurig“, denn das Kind hört dann „Du machst mich traurig“, was man ja gar nicht ausdrücken möchte (vgl. Juul, Aggression, S.46).

Man soll natürlich seine Grenze ganz klar aufzeigen, indem man seinem Kind sagt „Ich möchte nicht, dass du mich schlägst“ (vgl. Juul, Aggression, S. 45) und man darf das Kind am Schlagen hindern oder sich – mit Ansage und Erklärung – vom Kind entfernen. Auf keinen Fall sollte man jedoch das Kind aufgrund seines Verhaltens in sein Zimmer oder auf den stillen Stuhl etc. schicken. Dies wäre Liebesentzug und damit eine direkte Bestrafung für ein Verhalten, für das das Kind erst einmal nichts kann.

Es ist wichtig, dass das Kind wertneutral lernen darf mit dem Gefühl der Wut und Aggression umzugehen. In unserer Gesellschaft sind aggressive Kinder leider stark stigmatisiert und ein Kind das haut, wird normalerweise für dieses Verhalten bestraft. So lernt es aber nur, dass Wut schlecht und falsch ist und wird dieses Gefühl für sich als unerwünscht abspeichern. Das führt aber nicht dazu, dass das Kind nie wieder Wut oder Aggression empfindet, sondern bewirkt, dass es sich jedesmal schlecht und falsch fühlt, wenn dieses Gefühl in ihm entsteht. Das wird auch im Erwachsenenalter nicht anders sein. Es kommt nicht von ungefähr, dass so viele Erwachsene nicht mit ihrer Wut und Agression umgehen können. Oft hatten sie nicht die Möglichkeit zu lernen, damit umzugehen.

Hat das Kind einen Wutanfall und schlägt, sollte man sich und andere schützen, aber nicht versuchen in diesem Moment dem Kind etwas vernünftig zu erklären. Wird ein Kind von Wut überschwemmt, ist es wie außer sich und wird auf vernünftige Worte nicht reagieren. Im schlimmsten Fall macht man es nur noch wütender. Man kann dem Kind Alternativen anbieten, zum Beispiel ein Kissen schlagen oder etwas werfen, was nicht kaputt gehen kann. Man sollte nicht versuchen das Kind von seiner Wut abzulenken, da es dadurch nicht lernen kann mit diesem Gefühl umzugehen, sondern nur es auszublenden.

Meinem Sohn hilft es oft, wenn ich für ihn seine Gefühle in Worte fasse. Ich sage dann etwas wie „Du ärgerst dich, dass deine Lok (von seiner Holzeisenbahn) dauernd an der Schiene hängen bleibt. Das verstehe ich. Das würde mich auch sehr ärgern. Es ist in Ordnung, wenn du wütend bist.“

Auf Fragen nach dem WARUM würde ich bei ganz kleinen Kindern verzichten. Zum einen schwingt in einer Warum-Frage immer eine Schuldzuweisung mit (es ist eine Du-Botschaft: Warum hast DU das gemacht), zum anderen können Kinder auf die Frage nach dem warum oft noch nicht antworten und die Frage überfordert sie.

Ganz wichtig im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten meines Kindes ist, es auf keinen Fall persönlich zu nehmen und wütend zu werden. Das Kind haut mich nicht, weil es mir bewußt wehtun möchte. Zumindest für kleine Kinder gilt dies uneingeschränkt. Wir ziehen keine Schlägertypen groß, weil unsere Kinder uns in einem bestimmten Zeitraum ihrer Entwicklung hauen.

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