Die Angst vor den kleinen Tyrannen

Mein Blog mutiert zum Selbsthilfe-Instrument. Wann immer ich meine eigenen Gedanken sortieren muss, schreibe ich einen Artikel :-).

Alle Eltern haben Angst kleine narzisstische, sozial unverträgliche Tyrannen großzuziehen. Ich habe diesen Gedanken in letzter Zeit selbst sehr oft. Bücher wie „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ verstärken die elterlichen Ängste noch zusätzlich und verfestigen das negative Bild, was in unseren Köpfen von kleinen trotzenden Kindern vorherrscht – Meiner Meinung nach gehört dieser Mist verbrannt.

Das Leben mit unserem fast 2 1/2-Jährigen ist im Moment sehr anstrengend. Er fordert mehr und mehr Selbstbestimmung und ist (in unseren Augen) oft sehr unkooperativ. Das morgendliche fertig machen für die Kita ist zu einem einzigen Machtkampf mutiert und endet in acht von zehn Fällen in Geschrei. Bei mir noch viel schlimmer als bei meinem Mann. Zum Glück habe ich liebe Freundinnen aus meinem Mütterteam die mir helfen wieder klar zu denken und mich zu erden.

Ich glaube, es ist tatsächlich möglich kleine Tyrannen heranzuziehen, ABER das liegt nicht daran, dass man dem Kind keine Disziplin oder Gehorsam beibringt bzw. es gewaltfrei und bedürfnisorientiert erzieht oder gänzlich unerzogen mit seinem Kind umgeht. Aus dem was ich bei mir selbst erlebe, passiert dies dann, wenn man zu sehr herum eiert zwischen alten (anerzogenen) Erziehungsmustern und dem gewaltfreien, kooperativen Umgang, den man sich wünscht. Wenn man keine klare Linie hat und selbst nicht so genau weiß, wie man mit dem Verhalten des eigenen Kindes umgehen soll. Dementsprechend einmal sehr zugewandt und bedürfnisorientiert mit seinem Kind umgeht, das andere mal aber sehr viel Strenge und erzieherische Härte an den Tag legt.  Kleine Tyrannen entwickeln sich dort, wo dem Kind der Rahmen, die Sicherheit und Kontinuität eines bestimmten Umgangs fehlt. Mit Tyrannen meine ich hier keine bösartigen Kinder, die versuchen ihren Eltern bewusst das Leben schwer zu machen (solche Kinder gibt es meiner Meinung nach nicht), sondern verwirrte, verunsicherte, haltlose Kinder, die das Verhalten ihrer Eltern nicht zu deuten wissen und die sich nicht auf einen bestimmten Umgang verlassen können. Zu dieser Erkenntnis haben mir meine lieben Freundinnen heute verholfen, nachdem mein Sohn und ich einen ganz furchtbaren Start in den Tag hatten.

Ich glaube dieses Problem haben viele Eltern meiner Generation. Wir wünschen uns einen respektvollen Umgang mit unseren Kindern, aber das Verhalten unserer Kinder in der Autonomiephase triggert unser erzogenes inneres Kind so sehr, dass wir uns genauso verhalten wie wir es eigentlich nicht wollen. Wir unterstellen unseren Kindern böse Absichten. Sie sind aufmüpfig, wollen den Ton angeben. Sie trotzen und provozieren uns. Darauf reagieren wir genervt, mit der Forderung nach Gehorsam und Wut. Wir packen die Erziehungskeule aus, die wir eigentlich auf dem geistigen Dachboden ganz hinten versteckt hatten.

Meine liebe Freundin Sophie schrieb mir etwas ganz wichtiges, was ich in dieser anstrengenden Zeit völlig aus den Augen verloren hatte:

Wenn etwas nicht gut läuft, ist es immer Aufgabe der Eltern zu schauen „O. k., was sehe ich nicht? Wo läuft etwas falsch?“ Das Problem liegt in dir nicht in ihm.

Die Kinder sind nicht für die Qualität der Beziehung zu ihren Eltern verantwortlich. Wenn etwas schief läuft, können nur wir Erwachsenen etwas daran ändern. Das gehört zu unseren Aufgaben und ist unsere Pflicht unseren Kindern gegenüber.

Um an unserer aktuellen Situation etwas zu ändern werde ich versuchen Folgendes zu tun:

  1. Ich werde mich bemühen meine eigenen, persönlichen Grenzen besser zu erspüren und klar zu verteidigen, um meinem Kind Sicherheit, Kontinuität und einen klaren Rahmen zur Orientierung zu bieten. Wenn ich ihm etwas verweigern muss, oder unsere Bedürfnisse sich nicht decken, mein Bedürfnis mir in diesem Moment aber wichtiger ist, begleite ich seine Wut und Trauer.
  2. Ich werde versuchen unterscheiden zu lernen, was ein wahres Bedürfnis für ihn ist, wo ich also auf jeden Fall auf ihn eingehen muss, und wann ich auch mal „Nein“ sagen kann (wobei sich dies sicher sehr oft mit Punkt 1 decken wird).
  3. In sehr anstrengenden Momenten werde ich üben kurz innezuhalten, tief durchzuatmen und mich jedes Mal wieder daran erinnern, welchen Weg ich gewählt habe. Ich werde den ersten Impuls meiner Reaktion vorbeiziehen lassen und die Erziehungskeule auf dem Dachboden lassen. Ich werde versuchen, das Bild des trotzigen Kindes, das sich nur gegen mich auflehnen möchte, wieder aus meinem Kopf zu bekommen und mir immer wieder klar machen, dass mein Kind nur ein kleiner Junge ist, der aufgrund meines Verhaltens verunsichert ist und darauf ausschließlich reagiert.
  4. Ich werde meinem Sohn täglich exklusive Zeit der 100%igen Aufmerksamkeit geben, in der ich auf alles eingehe, was er sagt. Wo es nur um seine Bedürfnisse geht. So kann er hoffentlich Aufmerksamkeit und Anerkennung tanken und muss dies nicht den ganzen Tag zu jeder Gelegenheit einfordern (Danke, Frau Birnbaum, für diese tolle Anregung).

Ich bin dann jetzt mal weg, Juuls Leitwölfe sein auswendig lernen :-D.

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