Grenzen, Strafen, Konsequenzen? Nein, danke, es soll besser werden, nicht schlimmer!

Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Mit engen Grenzen und Bestrafungen kommt man nicht weiter. Wenn Eltern Angst vor Konflikten haben oder glauben, dass sie schlechte Eltern sind, wenn sie mit ihren Kindern streiten, dann läuft eine Familie irgendwann nach dem Lustprinzip; die Kinder dürfen dann alles machen, wozu sie Lust haben. Das funktioniert nicht. Meistens ist es die Angst der Eltern vor Konflikten, die dazu führt, dem Kind alles durchgehen zu lassen.

Jesper Juul

Mich hat die Autonomiephase meines Kindes in eine große Unsicherheit gestürzt. Beeinflusst von meiner eigenen Erziehung und den neueren pädagogischen Strömungen, wusste ich vor ein paar Wochen überhaupt nicht mehr, wie ich eigentlich mit meinen Kind umgehen möchte. Soll ich nun möglichst konsequent sein und ein einmal gesagtes Nein blind durchsetzen? Soll ich manche Dinge wie das Herunterwerfen von Essen unterbinden, weil man das eben nicht macht? Darf ich mir eine Schwäche erlauben, ohne Angst haben zu müssen, dass mein Kind diese gegen mich verwendet?

Ich hatte mir meinen Umgang mit meinem Kind immer harmonisch und gewaltfrei vorgestellt, aber solange die Kinder nur auf dem Boden liegen und strampeln oder sich ihres Lebens freuen, weil sie es gerade geschafft haben, sich am Couchtisch hochzuziehen, hat man da leicht reden. Entscheidend wird es erst, wenn das Kind beginnt, sich auszudrücken und entdeckt, dass es sehr wohl einen eigenen Willen hat und diesen berechtigterweise geltend machen will. Ab diesen Zeitpunkt wird ein bedürfnis- und bindungsorientierter Umgang mit dem Kind zur Herausforderung, da ab jetzt die Gefahr sehr groß ist, dass man in seine eigenen, alten Erziehungsmuster zurück fällt, weil das Verhalten des Kindes einen stark triggert.

„Wenn… dann“ und das Problem mit Konsequenzen

Ich habe bei mir die Tendenz zu „Wenn…Dann“-Androhungen erkannt. Ich selbst wurde als Kind regelmäßig mit solchen Sätzen zu bestimmten Verhaltensweisen bewegt, so wie fast alle Kinder meiner Generation. Zu dieser Zeit war dies ein anerkanntes Mittel, das kindliche Verhalten an die elterlichen Vorstellungen anzupassen. So ist es leider heute sehr oft immer noch, daher schien es mir im ersten Moment völlig legitim, mein Kind mit der Androhung unmittelbarer Konsequenzen zu erpressen, würde er nicht handeln, wie ich es in eben diesem Moment von ihm verlange. Ich merkte allerdings recht schnell, dass ich mich immer unwohler mit diesen Formulierungen fühlte. Unterbewusst war mir natürlich klar, dass ich mein Kind dazu nötigte (und zwar im wahrsten Sinne des Wortes), etwas zu tun was ich verlange, indem ich ihm androhte, ihm beispielsweise etwas wegzunehmen, was es in dem Moment gern haben wollte.

Exkurs: „Wenn du jetzt nicht sofort kommst, dann gehe ich ohne dich“

Es gibt wohl niemanden, der diesen Satz in seiner Kindheit nicht gehört hat. Ich habe ihn auch bereits gegen mein Kind verwendet und ich schäme mich in Grund und Boden dafür.  Mir war zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht klar, was ich mit meiner Aussage bei meinem Sohn auslöse. Für kleine Kinder sind die Aussagen ihrer Eltern immer wahr. Die Eltern sind die großen Allwissenden. Sage ich meinem Sohn nun, dass ich ohne ihn gehe, wenn er nicht sofort mitkommt, zerstöre ich damit unweigerlich das in liebevoller Zuwendung aufgebaute Vertrauen, dass ich ihn nie allein lassen würde. Es ist tatsächlich so einfach und grausam zugleich. Ein Kind, das oft mit dieser Drohung konfrontiert wird, ist sich irgendwann nicht mehr sicher, ob es sich wirklich darauf verlassen kann, dass Mama und Papa es nicht im Stich lassen. Natürlich muss jeder selbst entscheiden, ob ihn dies stört oder nicht. Ich für meinen Teil arbeite hart an einer festen und sicheren Bindung zu meinem Kind und einem möglichst großen Urvertrauen und fände es furchtbar all das mit einer unnötigen Formulierung kaputt zu machen.

Ich habe also damit angefangen, darauf zu achten, dass ich mein Kind nicht mit wenn-dann-Erpressungen zu etwas zwinge. Das ist im Alltag oft gar nicht so einfach, eben weil diese Art der Erziehung kurzfristig so gut funktioniert und weil es in meinem Kopf so fest sitzt. Alternativen sind kurze, knappe Ansagen, in denen ich zum Ausdruck bringe, wie wichtig es mir ist, dass bestimmte Dinge jetzt passieren oder Erklärungen gepaart mit der Bitte an mein Kind, meinen Wunsch zu berücksichtigen. Bei beidem respektiere ich die Selbstbestimmtheit meines Kindes, muss aber damit rechnen, dass mein Kind anderer Meinung ist als ich. Beides dauert natürlich viel länger, als ein schlichtes „wenn du jetzt nicht, dann…“ und fordert demnach auch ein sehr viel höheres Maß an Geduld, aber das Ergebnis ist, dass mein Kind sich nicht erpresst, genötigt, übergangen, fremdbestimmt und entmündigt fühlt.

Genau diese Gefühle sind es, die dazu führen, dass ein Kind „trotzt“. Ich hasse diesen Ausdruck. Allein die Wahl des Wortes ist bereits eine bodenlose Unverschämtheit und Respektlosigkeit schlechthin. Ein Kind reagiert auf seine Umwelt, nichts anderes. Trotz suggeriert provokantes Verhalten des Kindes, was es nun mal nicht ist. Werde ich in eine Situation gedrängt, in der ich mich ohnmächtig und fremdbestimmt fühle, begehrt alles in mir dagegen auf und ich werde wütend und traurig. Für einen Erwachsenen ist das eine völlig normale, nachvollziehbare und gesellschaftlich legitime Reaktion. Reagieren Kinder auf genau das selbe Gefühl mit Wut und Trauer, dann trotzen sie und sind nicht lieb/brav/angepasst und stören die Erwachsenen, die diese Wut miterleben. Es ist absurd, was wir Erwachsenen von den Kindern erwarten.

Ein anderes großes Problem, das ich hatte, war die Verteidigung meiner Grenzen. Ich war wie gesagt durch die vielen Meinungen, Ratschläge und Methoden total verunsichert. Ich wollte auf keinen Fall die strenge Mama sein, die zu allem immer nur Nein sagt und sich an Konsequenz und Grenzen als DAS Mittel in allen Erziehungsfragen festbeißt. Daher war es für mich noch einmal wichtig mir eines ganz bewusst zu machen:

Persönliche und anerzogene Grenzen

Man muss Kindern keine künstlichen Grenzen setzen. Kinder testen auch nicht ihre Grenzen aus. Es sind unsere Grenzen, um die es geht. Unsere persönlichen Grenzen, die jeder Mensch in sich trägt. Oft sind uns diese Grenzen nicht bewusst, weil wir sie nie verteidigen oder artikulieren durften. Eine natürliche Grenze ist oft dann erreicht, wenn wir uns mit etwas unwohl fühlen. Nicht, weil „man so etwas nicht macht“, sondern weil wir es einfach nicht wollen. So habe ich es zumindest für mich definiert. Durch meine Erziehung fällt es mir häufig schwer zwischen persönlichen und anerzogenen Grenzen zu unterscheiden.

Ein kleines Beispiel: Ich fühle mich unwohl, wenn mein Kind am Esstisch mit Wasser spielt. An dieser Stelle stellt sich mir die Frage: Mag ich es nicht, weil man das nun mal nicht macht (anerzogen) oder stört es mich, weil ich deswegen irgendeinen Schaden nehme (persönlich). Weil ich deswegen putzen muss z.B. In diesem Fall bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei mir um eine anerzogene Grenze handelt, denn der Schaden, den ich habe, sollte das Wasserglas umfallen, ist überschaubar und es ist mir wichtiger, den Entdeckungsdrang meines Kindes nicht zu stören. Ich fühle mich eigentlich nur unwohl dabei, weil ich beigebracht bekommen habe, dass man am Esstisch nicht mit Wasser rumpanscht. Das kann für jemand anderes natürlich anders sein. Persönliche Grenzen sind sehr individuell. Juul schreibt in seinem Buch Grenzen, Nähe, Respekt, dass es bis zu 10 Jahre dauern kann, bis man seine persönlichen Grenzen gefunden und definiert hat.

Zurück zum Erziehungdogma „Man muss Kindern Grenzen setzen“. Nachdem ich mich sehr lange mit dem Thema beschäftigt habe (weil ich selbst sehr verunsichert war) und viel gelesen habe, war mein Ergebnis, dass Kindern keine künstlichen Grenzen gesetzt werden müssen. Wir müssen nur alle unsere persönlichen Grenzen finden und artikulieren bzw. verteidigen. Das reicht völlig aus, um Kindern einen vernünftigen und stabilen Rahmen für das Zusammenleben zu geben.

Ich habe dies sehr deutlich bei meinem Sohn wahrgenommen. Eine Zeit lang, ist es mir schwer gefallen Nein zu ihm zu sagen, weil ich Angst hatte, ihn zu stark zu reglementieren. Genau das, was Juul im Zitat am Anfang des Artikels beschreibt, ist bei uns passiert. Ich wollte Harmonie und keinen Konflikt mit meinem Kind austragen. Ich wollte die liebe Mami sein. Das ist gründlich schief gegangen, denn meinem Sohn fehlte der Rahmen. Er hatte keine Möglichkeit, mich einzuschätzen und herauszufinden, bis wohin seine Mama denn nun geht. Denn sie ging ja immer noch ein Stück weiter. Ich hatte meine persönlichen Grenzen immer weiter aufgeweicht, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Und das verwirrte mein 2-jähriges Kind, das versuchte mich und meine Grenzen zu lesen. Ich fing also an, meine persönlichen Grenzen zu verteidigen. Wollte ich etwas wirklich nicht und hatte ich hinterfragt, ob es sich wirklich um eine persönliche Grenze handelt, gab ich das meinem Kind ohne Spielraum für Diskussion, wohl aber mit Erklärung zu verstehen. Und – ich konnte es erst kaum glauben – er akzeptierte meine Grenzen ohne Murren. Ich hatte sofort das Gefühl, dass unser Umgang harmonischer dadurch ist und dass mein Kind mich mehr respektiert, als wenn ich immer versuche, es nicht wütend zu machen. Ich habe mir eine natürliche Autorität bei meinem Kind erarbeitet, ohne Drohungen und Strafen.

Fazit

Kinder brauchen keine künstlichen Grenzen. Sie brauchen authentische und persönliche Grenzen ihrer Bezugspersonen. Es ist wichtig, dass Kinder diese Grenzen ausloten (dürfen). Das hat nichts mit dem negativ belegten Wort „austesten“ zu tun. Kinder müssen nicht ihre Grenzen austesten (das sicherlich irgendwann auch), sondern unsere. Das war für mich die Erkenntnis überhaupt. Der Satz „Kinder testen ihre Grenzen aus“ oder „Kinder brauchen Grenzen“ ist mittlerweile so negativ behaftet, dass viele ihn nicht mehr hören wollen. Wenn man sich bewusst macht, dass es nicht darum geht Kinder zu BEGRENZEN, sondern die eigenen Grenzen zu wahren, hat auch der Satz „Kinder brauchen Grenzen“ etwas Wahres und seine Berechtigung. Leider wird er heute von vielen Menschen im falschen Kontext verwendet, um Konsequenzen und Strafen zu verharmlosen und zu legitimieren.

 

 

Zur weiteren Vertiefung kann ich euch die Bücher von Alfie John Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung sowie von Jesper Juul Grenzen, Nähe, Respekt sehr empfehlen, wenn euch diese Themen ebenfalls beschäftigen.

 

 

 

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