Eingewöhnung – Kindern muss die nötige Zeit gegeben werden

Ich freue mich für euch heute einen Gastbeitrag der lieben Paula von nannyanny.net posten zu dürfen. Vielen Dank, Paula, für die Bereitstellung des Beitrags 🙂

Die Eingewöhnung lief bei uns über 8 Wochen und hat mich damals sehr mitgenommen. Das Chaoskind hat sich in dieser Zeit sehr verändert und ich habe oft am Konzept Fremdbetreuung gezweifelt. Paula beschreibt in diesem Beitrag ganz wunderbar, was in einem Kind vorgeht, das in der Obhut ihm völlig fremder Menschen gelassen wird. Und sie plädiert dafür, den Kindern die nötige Zeit für die Eingewöhnung zuzugestehen. Vor allem auch, wenn es darum geht, mal eben für einen Tag von der Nachbarin oder einer guten Freundin von Mama betreut zu werden, weil es gerade nicht anders geht…

 

Kinderbetreuung: Wieso es so wichtig ist, Kindern genug Zeit zu geben

Den Kindern Zeit geben

In Kitas steht in Deutschland überhaupt nicht zur Debatte, ob es eine Eingewöhnungszeit gibt oder nicht. Sie ist einfach vorgesehen. Es gibt verschiedene Modelle und Leitfäden, an denen man sich die Einrichtungen bei der Eingewöhnung orientieren können. Manchen bekannt ist vielleicht das Berliner Eingewöhnungsmodell.

Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde vom Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e.V., kurz „Infans“, entwickelt. Wichtigste theoretische Grundlage ist die Bindungstheorie nach John Bowlby. „Die Eingewöhnung dauert insgesamt ein bis drei Wochen, wobei die individuelle Dauer einer Eingewöhnung immer das Kind selbst durch sein Verhalten und seine Reaktionen bestimmt“, heißt es. Mehr dazu kann man hier nachlesen.

Leider machen Nannys oder Babysitter oft andere Erfahrungen: Dann wollen die Eltern in den meisten Fällen so schnell wie möglich weg oder in die Arbeit. Ich finde es problematisch, wenn ältere Kinder von Familienangehörigen, Freunden oder Nachbarn, die man hier und da nur flüchtig gesehen hat, als Babysitter engagiert werden. Plötzlich sollen diese kleinen Geschöpfe mit einer Person alleine bleiben, die sie kaum kennen.

Gedankenexperiment

Stellen wir uns nun vor, wir sind um die drei oder vier Jahre alt. Wir gehen eine Familie besuchen, die wir regelmäßig sehen und mit deren Kindern wir uns auch gut verstehen, zusammen mit unserem größeren Bruder und unserer Mama. Diese Familie hat eine Nanny, die wir das letzte Mal vor einem halben Jahr gesehen haben, für weniger als fünf Minuten, die vorherigen Treffen liefen ähnlich ab. (So richtig „kennengelernt“ hatte uns die Nanny vor über einem Jahr bei einem Besuch, aber das wissen wir nicht mehr. Und jeder, der mit Kindern zu tun hat, weiß auch, wie sehr sie sich verändern innerhalb eines Jahres.)

Wir können uns also kaum an sie erinnern, sie ist uns fremd, wie auch wir ihr fremd sind. Wir sollen zusammen mit ihr und dem kleinen Baby zum Mittag essen, alle anderen sind hektisch, niemand sagt uns aber, was passieren wird. Da wir sehr aufgeregt sind und müde, wollen wir aber nicht essen, wir wollen sehen, was die anderen machen und steigen vom Tisch. Da beruhigt uns unsere Mutter und legt uns zum Einschlafen in den Wagen.

Mami ist weg!

Plötzlich wachen wir auf, rufen nach Mama, doch statt der Mama steht diese fremde Frau vor uns. Sie ist zwar nett, aber wir sind verunsichert, haben Angst. „Mami?“ schreien wir immer wieder. Die Nanny erklärt uns zwar alles, aber wir verstehen es nicht. Sie holt uns aus dem Wagen, wir rennen los, reißen jede Tür auf, schauen nach der Mami, schreien aus vollem Hals ihren Namen, während wir fürchterlich weinen. Die Nanny versucht uns die Jacke auszuziehen, wir schlagen wild um uns. Das Baby wacht auf, völlig erschrocken von unserem Gebrüll, fängt es auch an zu weinen. Die Nanny versucht uns zu beruhigen, doch wir haben zu große Angst, Panik. „Wo ist meine Mami? Ich kenne die Frau doch gar nicht. Kommt meine Mami wieder? Warum hat sie mich nicht mitgenommen, als sie ging, aber meinen Bruder schon? Hat Mami mich nicht mehr lieb?“ Das und anderes würde uns allen im Kopf rumgehen, wenn wir an der Stelle des Kindes gewesen wären. Alles andere als schön, oder?

Vertrauensbruch

Diese Situation ist für die Nanny und vor allem für das Kind sehr belastend, vom Baby ganz zu schweigen. Viele unterschätzen auch, was das bei einem Kind anrichten kann. Als Erzieherin in einer Kita traf ich auf Eltern, die sich immer aus dem Haus schlichen, sobald das Kind in die Gruppe ging, ohne sich zu verabschieden, da sie das Geschrei nicht ertrugen, das ein bewusster Abschied manchmal eben mit sich gebracht hätte. Irgendwann konnten sie das Kind keine halbe Minute mehr alleine lassen, da das Kind immer Angst hatten die Mutter oder der Vater würden wieder „verschwinden“. Für das Kind ist es ein extremer Vertrauensbruch, auch wenn es das so nicht kommunizieren kann, wenn Eltern sie einfach irgendwo „abladen“, bei Fremden ohne vorherige Eingewöhnung oder Vorbereitung. Wenn man als Babysitter dann am  Abend die Eltern auf das Geschehene hinweist, wird es lapidar unter den Tisch gekehrt.

Wir vertrauen auch nicht gleich jedem, oder?

Warum erwarten dann manche Eltern, dass ihre Kinder sich im Nullkommanix an fremde Betreuungspersonen gewöhnen? Sind nicht wir Erwachsene diejenigen, die den Kindern immer wieder sagen: „Geh nicht mit Fremden mit“? Aber wenn es uns Großen dann beliebt, dürfen und sollen die Kinder eine Ausnahme machen? Nein, sie müssen sogar, da sie sich nicht wehren können! Außerdem müssen sie auch damit klarkommen, dass die betreuende Person ihnen an die Wäsche geht, um ihnen die Windel zu wechseln. Tolle Vorstellung, nicht? Eine ganz fremde Person, die man kaum kennt, zieht einen nackt aus!

Kinder funktionieren nicht, wie wir das wollen

Ich war mal als Kinderbetreuerin auf einer Hochzeit zusammen mit einer zweiten Betreuerin. In einem Zelt, in dem sich auch die Eltern der Kinder aufhielten, sollten wir in einer Ecke die Kinder bespielen von 14 bis 22 Uhr. Dumm nur, dass die Erwachsenen ständig an dem Eck vorbeiliefen, die Kinder ständig abgelenkt waren durch die Großen und das Geschehen um sie herum, und so ein Miteinander nicht entstehen konnte. Einen anderen Raum gab es nicht, da die Hochzeit auf einem Bauernhof stattfand (das alles wurde ganz, ganz toll von einer Nanny-Agentur organisiert!)

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Braut, die selbst ein Kind hatte, das von uns betreut werden sollte, beschwerte sich in einer unmöglichen Lautstärke vor allen Gästen, was für besch….Betreuerinnen wir wären, sie würde sich bei der Agentur beschweren, wir könnten ja nicht mal die Kinder von den Erwachsenen fernhalten (damit sich diese in Ruhe unterhalten, tanzen und essen konnten.)

Ja, natürlich! Wir bauen am besten eine unsichtbare Wand auf, damit ihr eure Kinder nicht ertragen müsst. Ein kleiner separater Raum, in dem man die Kinder betreuen könnte, wäre ja zu viel verlangt. Da es regnete, konnten wir auch nicht raus, und wie ihr euch vorstellen könnt, hatten die Kinder ihre besten Sonntagsoutfits an. Ja, aber wir waren natürlich schuld, dass die Kinder (zehn Kinder zwischen eineinhalb und sieben Jahren) lieber mit den Eltern zusammen sein wollten, als mit zwei ihnen wildfremden Frauen in einem Eck eingepfercht über acht Stunden! So funktionieren Kinder nicht! So funktioniert auch Kinderbetreuung auf einer Hochzeit nicht! In diesem Fall hätte selbst eine eins-zu-eins-Betreuung nichts gebracht, also bitte. Diese Dame wird bestimmt noch ihren Enkeln davon erzählen wie die schrecklichen Kinderbetreuerinnen ihre Hochzeit ruiniert haben.

Nötige Zeit gewähren

Wie auch wir Erwachsenen, brauchen Kinder Zeit, um Vertrauen zu fassen, den Menschen kennenzulernen, um gern mit ihm Zeit zu verbringen. Es muss eine Basis vorhanden sein, bevor wir sie wickeln, sie füttern, ihre Tränen trocknen – all das eben, was eine Kinderbetreuerin so macht. Warum verwehrt man den Kindern dieses Recht in einem privaten Haushalt? Oder zu anderen Anlässen? Warum mutet man dem Kind so etwas zu? Ich hoffe, dieser Beitrag hat einige zum Nachdenken gebracht. Wie handhabt ihr das mit der Eingewöhnung mit dem Babysitter oder der Nanny?

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