Der liebende Verzicht

Ich liege seit einer Stunde mit meinem Kind im Bett. Wann immer ich versuche aufzustehen, um endlich noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, die ich auf später verschoben hatte, beginnt der Kleine zu wimmern und signalisiert mir damit, dass er meine Nähe benötigt.

Mein erster Impuls ist es, genervt zu sein. Ich hatte mir noch einiges vorgenommen für heute Abend und nun komme ich nicht mehr aus dem Bett, weil mein Kind mich nicht weg lässt.

Dann erinnere ich mich aber daran, dass mein Kind nicht mehr ewig meine Nähe zum Einschlafen brauchen wird. Seine Natur ist es, sich von mir unabhängig zu machen. Ganz ohne mein Zutun und eventuell auch gegen meinen eigenen Wunsch und schneller als mir lieb ist.

Daher macht es mir nichts aus, dass er auch nach 2 Jahren nicht allein einschläft und ich abends oft eine oder mehr Stunden mit ihm im Bett liege, bis er endlich schläft.

Es macht mir nichts aus, dass er nachts meine Nähe braucht und ich deswegen nicht irgendwo anders übernachten kann oder bis in die Puppen tanzen gehen kann.

Es macht mir nichts aus, dass ich meine Individualität (die meiner Generation sehr wichtig ist) nicht ungehindert ausleben kann und mich nicht mehr verhalten kann, wie mein früheres kinderloses Ich.

Ich verzichte gern auf all das, denn ich weiß, dass mein Verzicht zeitlich begrenzt ist. Es handelt sich nur um einige wenige Jahre, die mein Kind diese Nähe und Aufopferung von mir benötigt.

Bereits in wenigen Jahren wird mein Kind seine eigene Unabhängigkeit einfordern und ich werde mich freuen, dass ich einige kostbare Momente mit ihm hatte, in denen ich nicht genervt war und eigentlich nur weg wollte, um etwas anderes zu tun, als ihm seine elementaren Bedürfnisse zu erfüllen.

Nehmt euch Zeit für eure Kinder und versucht weniger sie bereits nach den ersten Monaten von euch unabhängig zu machen, denn es liegt in der Natur eurer Kinder von euch weg zu wollen. Wenn es soweit ist, werdet ihr wahrscheinlich bereuen, dass ihr die kurze Zeit, die eure Kinder euch bedingungslos brauchten, nicht als Geschenk, sondern als Bürde betrachtet habt. 

2 thoughts on “Der liebende Verzicht

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