Warum es schadet konsequent zu sein

Eltern müssen weder konsequent noch perfekt sein.

Man darf als Mutter oder Vater inkonsequent sein, man darf schreien, man darf zeigen, wenn man etwas nicht mag, man darf auch erst nein und dann doch ja sagen. Man muss absolut nicht perfekt sein. Man muss nur AUTHENTISCH SEIN dabei.

Konsequenzen sind in den meisten Fällen unserer Erziehungspraxis künstlich herbeigeführte Strafen für nicht erwünschtes Verhalten. Daher ist in unserem heutigen Verständnis das Wort „Konsequenz“ eigentlich nur als Synonym für „Strafe „zu verstehen. Klingt ja auch viel schöner seinem Kind zu sagen, es muss die Konsequenzen seines Handelns tragen, als zu sagen „Ich bestrafe dich, weil du dich in meinen Augen falsch verhalten hast.“

Konsequent sein, bedeutet die eigene Machtposition gegenüber dem Kind auszunutzen und über es zu bestimmen. Ein Beispiel: Ein Kind wirft auf dem Spielplatz mit Sand. Die erste Reaktion der Mutter ist: „Wenn du damit nicht aufhörst, gehen wir nach Hause!“

So, jetzt ist er raus, der Ich-drohe-mit-Konsequenzen-Satz, und jetzt? Konsequente Eltern müssten beim nächsten Sandwurf alles einpacken und mit dem (schreienden, unglücklichen) Kind nach Hause gehen. Der Nachhauseweg wird eine Tortur. Alle sind genervt und unzufrieden, das Kind fühlt sich ungerecht behandelt und hat damit sogar Recht. Denn Kinder können lange Zeit mit der Androhung von Konsequenzen gar nichts anfangen, weil sie ihre Bedeutung bzw. Tragweite nicht verstehen. Warum ist das Werfen mit Sand so schlimm, dass der schöne Besuch auf dem Spielplatz sofort beendet ist? Die Generation unserer Eltern würde sagen: „Kinder brauchen Grenzen. Er/Sie muss eben lernen, dass es nicht richtig ist, mit Sand zu werfen.“

An dieser Stelle könnte man ohne Probleme den Satz „Wer nicht hören will, muss fühlen“ einfügen, aber wir sprechen ja nicht über Gewalt…?!… Oder doch? Denn eigentlich ist der abrupte Abbruch des Spielplatzbesuches eine Art von Gewaltakt. Zwar nicht in aggressiver Form, aber das Verhalten des Erwachsenen lässt sich mit Willkür beschreiben. Das Kind erfährt eine Art Ohnmacht, weil es kein Mitspracherecht hat, denn es wird einfach über seinen Kopf hinweg und aus seiner Sicht völlig ungerechtfertigt bestimmt, dass die Familie nach Hause geht. Welcher Erwachsene würde so mit sich umgehen lassen, ohne sich ungerecht behandelt zu fühlen und sich zu wehren? Eltern, die ihr Kind vom Spielplatz nach Hause zerren, nur, weil sie eben jene Konsequenz angekündigt haben und vor dem Kind auf keinen Fall inkonsequent sein dürfen, nutzen damit ihre Machtposition gegenüber dem Kind rücksichtslos aus, denn das Kind hat keine Wahl, ob es mitkommt, oder nicht.

Einer der schlimmsten Sätze im Umgang mit Kindern ist für mich „Er/Sie muss eben lernen, dass…“. Wenn aus jeder Situation, in der etwas nicht nach der Vorstellung des Erwachsenen läuft, eine pädagogische Maßnahme gemacht wird. Mit diesem Satz rechtfertigen Millionen von Eltern tagtäglich rücksichts- und respektloses Verhalten ihren Kindern gegenüber. Und alles natürlich im Zeichen guter Erziehung. Rücksichtnahme und respektvolles Verhalten werden als inkonsequent verteufelt und inkonsequente Eltern gelten als schlechte Eltern. Weiche Eltern, deren Kinder machen was sie wollen, ohne Rücksicht auf andere. Leider lassen sich immer noch viel zu viele junge Eltern von diesen veralteten Ansichten aus früheren Generationen beeinflussen. Am schlimmsten ist es, wenn Eltern während der Ausführung ihrer Konsequenz auch noch sagen: „Ich fühle mich ja wirklich schlecht dabei, aber er/sie muss lernen dass…“. In meinem Kopf schreit es dann jedes Mal: Wenn es sich für dich falsch anfühlt, warum machst du es dann??!!??!! Trau doch einfach auf deine elterliche Intuition, als auf uralte, völlig überholte Erziehungsmethoden!

Ich möchte für mein Kind, dass es sich frei von solchen gesellschaftlich auferlegten Zwängen entwickeln darf. Wenn er auf dem Spielplatz mit Sand wirft, erkläre ich ihm, dass ich das nicht möchte und warum. Tut er es wieder, gehen wir schaukeln oder spielen fangen, um ihn aus der aktuellen Situation zu nehmen. Aber ich zerre ihn dabei nicht wütend weg oder bestrafe ihn nicht für sein kindliches Verhalten, denn ich kenne im Zweifel nicht den Grund dafür, dass er den Sand wirft. Es ist ja auch nicht so, dass er den Rest seines Lebens mit Sand werfen wird, weil er es eben an diesem Tag nicht von mir beigebracht bekommt, dass man so etwas nicht macht. Kinder lernen durch Nachahmung viel viel mehr, als durch gezielte Veränderung ihres Verhaltens (=Erziehung). Natürlich wird er lernen, dass eigentlich niemand mit Sand um sich wirft, einfach, weil er es bei anderen (vor allem seinen Bezugspersonen) so sieht.

Ich selbst habe an mich nicht den Anspruch konsequent mit meinem Kind zu sein, denn ich weiß, dass ich oft vorschnell nein sage und mir erst danach auf die Frage, warum ich eigentlich nein sage, selbst keine Antwort geben kann. In solchen Fällen bin ich inkonsequent und erkläre meinem Kind warum ich von meiner ursprünglichen Aussage zurückrudere. Damit bin ich authentisch und setze keine Dinge durch, hinter denen ich in Wahrheit gar nicht stehe. Die ich nur tue, weil ich denke, dass man es so von mir erwartet. Ebenso ist es mit Konsequenzen oder Grenzen auch. Muss man sie künstlich erzeugen und setzt sie nicht aus Überzeugung durch, sondern rein als Folge der eigenen Erziehung, ist man nicht authentisch und schadet damit der Bindung zu seinem Kind.

Dein Kind wird es dir danken, wenn du statt konsequent zu sein, Rücksicht auf es nimmst und es respektvoll behandelst. Denn dann wird es lernen, auch andere zu behandeln, wie es von dir behandelt wird.

Eure Denise ❤️

 

Einen weiteren interessanten Beitrag zu diesem Thema findet ihr hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

4 thoughts on “Warum es schadet konsequent zu sein

  1. Ich finde es auch sehr schade, dass konsequent heute in den meisten Fällen so verstanden wird, dass das Kind dadurch Repressalien erfährt und für etwas „bestraft“ wird. Es ist aber auch vielmehr so, dass Kinder durch konsequentes Handeln der Eltern eine Art Verlässlichkeit erfahren und so lernen, dass eine bestimmte Verhaltensweise eine mögliche Reaktion nach sich zieht. Das vermittelt Sicherheit und bietet einen Rahmen, in dem es sich bewegen kann. Konsequent bist du auch, indem du dein Kind bspw. auf dem Spielplatz von seiner eigentlichen Tätigkeit ablenkst. Es gibt Situationen und Verhaltensweisen, die ein Kind lernen muss, dazu zählt zum Beispiel andere nicht zu verletzen usw. Sozialverhalten grob gesagt. Freiheit hört da auf, wo andere (Kinder) in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Daher braucht es ab und an eben doch Grenzen, Konsequenzen im Positiven und evtl auch im Sinne von „Strafe“ (was es schon als Solche verstehen kann, wenn du ihm „verbietest“ weiter mit Sand zu werfen).

    Gefällt mir

    1. Prinzipiell ist es sicher sinnvoll, wenn Eltern ein für das Kind zuverlässiges Verhalten an den Tag legen. Das gibt dem Kind auf jeden Fall Sicherheit. Wenn dieses gleiche Verhalten aber immer nur den Willen der Eltern durchsetzen soll, finde ich persönlich es schwierig. Ich bin der Überzeugung, dass wir als Eltern sowieso eine gewisse Kontinuität in unserem Handeln haben und Kindern damit bereits Sicherheit geben.

      Ich stimme zu, dass Kinder lernen müssen, dass man andere nicht verletzen darf. Die Frage ist allerdings, ob ein hauendes oder beißendes Kind eher lernt, dass es nicht beißen soll, wenn es Konsequenzen angedroht bekommt. Mit Strafen/Konsequenzen lernen Kinder hauptsächlich, Angst vor den Folgen ihres Handelns zu haben, weniger, dass das Handeln an sich nicht in Ordnung ist. Das bedeutet, das Kind aus dem Beispiel lernt, dass er, wenn er auf dem Spielplatz bleiben will, er nicht mit Sand werden darf. Das ist aber ja nicht das, was die Eltern ihrem Kind in diesem Moment beibringen wollen. Vielmehr entscheidet sich das Kind aus dem egoistischen Grund nicht nach Hause gehen zu wollen dafür, keinen Sand zu werfen und nicht, weil es soziale Kompetenz erwirbt.

      An dieser Stelle greifen sehr viele Themen ineinander, die alle für sich schon einer eigenen Diskussion bedürfen und bei denen es sehr sehr viele verschiedene Meinungen gibt.

      Gefällt mir

  2. Ein wirklich sehr schöner Artikel! Ich finde es sehr wichtig, sich immer zu fragen, warum ein Kind etwas tut. Eltern neigen oft dazu, anzunehmen, dass das Kind sie provozieren will. Wenn man hinter bestimmte Verhaltensweisen schaut, stellt man oft fest, dass es gar keine Provokation ist. Wir sollten Kindern immer erst einmal gute Motive zuschreiben – das entspannt das Familienleben ganz sicher.

    Liebe Grüße
    Danielle

    Gefällt mir

  3. Wütendes Wegzerren oder gar Anbrüllen und lautes Schimpfen sehe ich auch nicht als den richtigen Weg in der Spielplatz-Sand-Werfen-Geschichte. Allerdings denke ich schon, dass Kinder die Konsequenz ihrer Eltern brauchen. Im Erwachsenenleben hat später vieles einmal Konsequenzen und das finde ich kann (und soll) man auch den kleinen schon beibringen. Dabei geht es weniger um das egoistische Bestrafen, weil eine Situation einem selber nicht passt. Und das man vielleicht mal laut wird und wütend als Elternteil, mag vielleicht auch daran liegen, dass das Kind schon zum zigsten Male dieses Verhalten an den Tag gelegt hat und man mit gut zureden & ablenken wie du es beschreibst einfach nicht mehr weiterkommt. Das wissen wir nicht, denn wir wissen nie, was in dieser einen Mama, die gerade ihre Nerven verliert vor sich geht.

    Erziehung ist ein sehr schwieriges Thema. Mir geht es ein wenig wie Cassie: Konsequenzen bieten dem Kind auch Verlässlichkeit und die kindliche Suche nach Grenzen kommt auch nicht von Irgendwoher. Solange Konsequenzen mit Respekt dem Kind gegenüber einhergehen & die Eltern dem Kind eine Erklärung bieten und nicht einfach nur verbieten/bestrafen, sehe ich in Konsequenz nichts verwerfliches. Und ja: Ich habe auch Angst davor was zu klauen. Die Konsequenz wäre schließliche eine Strafanzeige. Angst ist nicht immer ein Feind.
    Im Übrigen geht es mir auch irgendwie langsam auf die Nerven, dass ständig die Erziehungsmethoden unserer Eltern gerügt und kritisiert werden. Ich fühle mich nicht schlecht erzogen. Und die Angst vor so mancher Strafe hat mich zB unter anderem davor bewahrt mit dem Rauchen anzufangen. Nicht alles ist Gold was glänzt, weder früher noch heute.
    Ich denke jede Mama findet schon den für sie und ihr Kind richtigen Weg. Egal wie. Und das Kind wird groß. Und irgendwann haben unsere Kinder Kinder und schimpfen dann wahrscheinlich auf unsere Erziehungsmethoden 😅 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s