Tanzt mein Kind mir auf der Nase herum?

Wenn ich mit meinem Sohnemann unterwegs bin oder mich mit Freunden treffe, die nicht dem selben Erziehungsstil folgen wie wir, geht mir oft der Gedanke durch den Kopf, dass sie definitiv denken müssen, dass das Chaoskind mir auf der Nase herumtanzt. Ich erkläre ihm ständig, warum wir etwas tun oder nicht tun, statt einfach ein Machtwort zu sprechen. Ich diskutiere mit ihm und akzeptiere, wenn er etwas nicht möchte. Will ich nach einem Ausflug nach Hause, er aber nicht in den Autositz, stehe ich auch gerne mal eine Stunde auf dem Parkplatz und versuche ihn mit sanften Worten (und Knabbereien ;-)) davon zu überzeugen, sich doch in den Sitz zu begeben. „Setz ihn einfach rein und fahr los!“ werden einige da sagen. „Der beruhigt sich dann schon wieder und beim nächsten Mal macht er nicht mehr so ein Theater“.

Aber das bin nicht ich. Für mich fühlt es sich falsch an, mein Kind zu etwas zu zwingen, was es in diesem Moment eben nicht möchte. Natürlich kommt es darauf an, wie wichtig etwas ist und ob wir zu einem Termin müssen, aber im Normalfall haben wir keinen Zeitdruck und es ist fast immer möglich auf seine kindlichen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.

Ich versuche im Umgang mit dem Jungen so gut es geht auf meine Intuition zu hören. Habe ich ein schlechtes Gefühl bei etwas, lasse ich es normalerweise sein, zumindest dann, wenn mein eigenes Stresslevel es zulässt. Für mich bedeutet „respektvolles Miteinander“ hauptsächlich die Belange meines Kindes als gleichwertig zu meinen eigenen anzusehen und ihm in keinem Fall willkürlich meinen Willen aufzuzwingen. Auch, wenn das für mich mehr Mühe bedeutet und ich mehr Geduld an den Tag legen muss.

Ein gutes Beispiel ist unsere aktuelle Wickel- und Anzieh-Situation. Das Chaoskind mochte es eine sehr lange Zeit nicht gewickelt oder angezogen zu werden. Er machte ein riesen Fass auf und schrie die ganze Wohnung zusammen, wenn wir ihn gegen seinen Willen wickelten oder anzogen. Also ließen wir ihn – soweit möglich – den Zeitpunkt, zu dem wir ihn wickeln und anziehen durften, selbst bestimmen. Dieses bedürfnisorientierte Verhalten hat uns viel Geduld und einige Nerven gekostet, aber es fühlte sich richtig an, dem Buben seinen Willen zu lassen. Immerhin ist es sein Körper, den wir da in Windel und Kleidung wickeln wollten. Warum sollte er nicht entscheiden dürfen, wann ihm danach ist? Das Ergebnis unseres „Entgegenkommens“ ist ein sehr erfreuliches, denn mittlerweile (seit ca. 2 Wochen) kooperiert der kleine Mann freudig, wenn wir ihn fragen, ob wir denn nicht kurz eine frische Windel anziehen wollen und bringt uns die neue Windel gelegentlich sogar von sich aus.

Generell habe ich festgestellt, hilft es einfach ungemein in unserem Familienleben, wenn ich den Kleinen in Entscheidungen mit einbeziehe. Wenn ich ihn frage, was er machen möchte, statt einfach zu bestimmen, was gemacht wird. Für mich ist das der Kern einer respektvollen Erziehung und für unsere Familie funktioniert diese Methode großartig.

Um die Eingangsfrage zu beantworten:
Nein, ich denke nicht, dass mein Kind mir auf der Nase herumtanzt (sonst würde ich mich ja anders verhalten), aber das ist ganz eindeutig eine Sache des Blickwinkels. Viele meiner Freunde und auch ein Großteil meiner Familie werden nach wie vor sagen, dass der Kleine macht was er will und keine Grenzen aufgezeigt bekommt, aber wir haben eine andere Sicht auf unser Verhalten. Für mich ist es die einzig richtige Art mit meinem Kind umzugehen, denn ich möchte, dass er sich zu jedem Zeitpunkt ernstgenommen und wertgeschätzt fühlt. Es wird immer Menschen geben, die unsere Art von Umgang belächeln oder uns Unverständnis entgegen bringen, aber so ist das nun mal immer, wenn es um Erziehungsfragen geht. Jede Familie hat ihren eigenen, richtigen Weg und niemand sollte sich herausnehmen darüber zu urteilen.

Das Thema Grenzen, ob Kinder welche brauchen und wenn ja, wie diese Grenzen aussehen, werde ich in einem weiteren Beitrag demnächst aufgreifen, weil auch das ein wichtiges und vielschichtiges Thema ist und ich gerne meine Gedanken hierzu mit euch teilen will.

Eure Denise ❤

One thought on “Tanzt mein Kind mir auf der Nase herum?

  1. Liebe Denise!
    Ich kenne deine Gedankengänge nur zu gut und will nicht wissen, was viele andere Mütter über meine bedürfnisorientierte Einstellung denken. Vor einigen Wochen hat zB meine Tochter (wird im Jänner 2) ihren Mittagsschlaf auf meinem Schoß im Auto auf dem Parkplatz vor einem Spielplatz gehalten, da sie nicht in den Kindersitz wollte. Die meisten Mütter würden das Kind vermutlich in den Sitz drücken, anschnallen und mal kurz schreien lassen, aber ich könnte das nicht.
    Schön, dass es einen weiteren bedürfnisorientierten und nachhaltigen Familienblog gibt!
    Liebe Grüße,
    Gertraud (vom Blog Kleine Mami)

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